Auf dem Sofa_11



Tagebuch meiner Lektüren
November 2009

Auf dem Sofa_11Tagebuch meiner Lektüren: November


GERTRUDE STEIN: MEXIKO UND ANDERE STÜCKE (Luchterhand) – las ich im Frühjahr in meinem Romanklausurquartier und erwarb das Büchlein nun selbst am Sonntagnachmittag, 1. November, auf dem Flohmarkt – warum? Weil es Autoren gibt, deren Werke man möglichst vollständig haben will, auch wenn einem gar nicht alles gefällt. Weil der Umschlag so schön ist – pinkfarben, mit einem graublauen Foto von STEIN, auf dem sie aussieht, als träte sie im Zirkus auf als Clown, nur die rote Nase fehlt.


Was fühle ich heute. Ich fühle dass ich wohl weiß wie eine Frau zu lüften sei.
Du meinst dass ich es zu kalt mache. Nun gut um sicher zu sein ich bin selbstsüchtig ich sitze vor dem Feuer. Ich sollte dir wirklich den besten Platz geben nur möchte ich nicht gerne wechseln.
Du Liebes du bist so süß zu mir.


Und auch vom sonntäglichen Flohmarkt stammt GUILLAUME APOLLINAIRE: PORTRÄT & POESIE (Luchterhand), ein eigentlich überflüssiger Kauf, denn ich habe schon einen APOLLINAIRE-Band (Volk & Welt 1971), sogar zweisprachig, und der reicht mir, da ich so viel mit seinen Gedichten nun auch nicht anfangen kann. Aber es ist so eine schöne quadratische Ausgabe, mit Fotos und Zeichnungen (den berühmten Kalligrammen) und einer orangeroten Umschlaginnenseite (MALEWITSCHs «Quadrat» zitierend), die wollte zu mir. APOLLINAIRE war ein großer Liebender, voller Sinnlichkeit, er war ein Don Juan, nicht frei von Machismo, er schrieb über die neun Leibesöffnungen seiner Geliebten, deren sieben er schon liebkost hat, aber zwei fehlten noch, und er erwartet sehnlich ihre Berührung, das ist schon alles ziemlich aufregend und libertinär, und manchmal schoss er, in seinem Liebestriebeifer, dann auch übers Ziel hinaus, aber er war sicher auch ein großer Lachender, so dass man ihm seine verquere Verbindung aus Futurismus und Romantik (und WHITMAN sowieso) gern verzeiht, sie als Übermut nimmt, und hier, zu seinem 91. Todestag, sei sie nun zitiert (in der Übersetzung von Lothar Klünner):


DAS ELFTE GEHEIME GEDICHT

Über dich ganz und gar deinen Leib deinen Geist und deine BesonnenheitHab ich schon schöne Gedichte gemachtUnd will nun der ich in Wäldern hause zu dieser KriegszeitWill nun eins machen über den niedlichen UnterstandDen wohlansehnlichen* tief im jungfräulichen WaldDen kleinen Unterstand den du mir eingerichtet im jungfräulichen WaldPalast o schöner noch als der von Rosamunde der Louvre und der EscorialDort werd ich eintreten um mein schönstes Werk zu vollendenGott selbst werd ich sein und dort wenns Gott gefällt einen Mann erschaffensogar mehrere Männer eine Frau sogar mehrere Frauen wie Gott selber es tatO kleiner versteckter Palast MadeleinesDu bist schön mein Lieb und bist eine erhabene Künstlerin die du für mich den schönsten Palast der Welt erbaustMadeleine meine verehrte ArchitektinIch werd eine Brücke schlagen zwischen dir und mir eine Brücke aus eisenhartem Fleisch eine herrlich gespannte BrückeDu Architektin ich Pontifex und MenschheitsschöpferIch liebe dich Architektin lieb du den Erbauer der BrückeAuf der gleich jener von Avignon alles im Tanze sich drehtWir selber o Madeleine unsre Kinder und auch unsre EnkelkinderBis an das Ende der Zeiten


APOLLINAIRE starb, am 9. November 1918, an der Spanischen Grippe.

(* Ob «wohlansehnlich» für «bien aménagée» so glücklich gewählt ist?)


Und gestern Abend, 4. November, in einem Zug, nur von Teekochen und Sandwichschmieren kürzest unterbrochen: RONALD M. SCHERNIKAU: KÖNIGIN IM DRECK (Verbrecher Verlag), eine Sammlung von Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften, worin, neben einer langen Reportage über eine Aids-Beratungsstelle in München, am gelungensten sind die beiden Beiträge für «konkret» und «Freitag» zu WARHOL und der ersten deutschen Gesamtübersetzung von STEINs Hauptwerk THE MAKING OF AMERICANS. Den editionskritischen, frechen, stilistisch-eigenwilligen STEIN-Beitrag, DER BERUF DES GENIES, kannte ich schon, las ihn aber noch einmal mit allergrößtem Vergnügen, wieder einmal darüber staunend, was bei einer zweiten Lektüre auffällt, einem bei der ersten also durch die Lappen gegangen ist («Ich glaube, sie lebte in einer Welt, in der es schwierig war, Bewegung wahrzunehmen.» – das trifft es!, und: «Genaueste Beschreibung, das meint, nichts ist ihr selbstverständlich: kein Wort, kein Vorgang, keine Abfolge. Satz für Satz arbeitet Stein an der Erkenntnis, immer wieder scheint sie sich bei den Dingen zu fragen, was sie eigentlich sind.»), und so war der WARHOL-Artikel die größere Entdeckung, zumal ich am Sonntag gerade ein Suhrkamp-Einführungs-Bändchen über WARHOL gelesen hatte, ANNETTE SPOHN:ANDY WARHOL – LEBEN, WERK, WIRKUNG, das für ein erstes Kennenlernen seinen Zweck erfüllte, aber erschreckend schlampig gearbeitet ist, weit unter Suhrkamp-Niveau. Da schreibt SCHERNIKAU in einer ganz anderen Liga. SCHERNIKAU mag WARHOL, und ich mag, wie SCHERNIKAU über WARHOLschreibt. In kurzen durchnummerierten Abschnitten (was er sich bei SUSAN SONTAG abgeschaut hat?), in kurzen, markanten Sätzen, mit Schärfe, mit Liebe. I. Fragen. II. Zitate. III. Realismus und Abbildtheorie: Affirmation des Bestehenden? IV. Kunst machen heißt sich von Urteilen frei machen. V. Komik und Schönheit und Ikonen für die Zukunft. VI. Verriss von WARHOL-Biographien und -Katalogen. VII. Berühmtheit, die eigene und die der anderen. VIII. Understatement und Lakonik – also noch mal: Komik (Humor). Politik. IX. «Was ein Künstler ohne Revolution macht? Na Kunst.»

Und ENZENSBERGER dichtet. Und schreibt Essays. Und Bücher zur Mathematik, jetzt jüngst erschienen ZWEI MATHEMATISCHE BELUSTIGUNGEN (in der schrecklich teuren edition unseld bei Suhrkamp – 10 Euro für ein winzig schmales Taschenbüchlein von 72 Seiten!, und dann noch mit Spiegel-online-Logo!!), in denen es um die Tücken der Wahrscheinlichkeitsrechnung geht und er wieder mal die großen Namen von LEIBNIZ über FERMAT, GAUSS, RIEMANN bis hin zu GÖDEL anruft. Und das alles, um das Glück in den Griff zu bekommen, das Spielglück und das Liebesglück und also das Lebensglück.Zu Ehren GÖDELs schrieb ENZENSBERGER auch mal ein hübsches Gedicht, das in dem Band DIE ELIXIERE DER WISSENSCHAFT (Suhrkamp) zu finden ist, die

HOMMAGE À GÖDEL

Münchhausens Theorem, Pferd, Sumpf und Schopf,ist bezaubernd, aber vergiss nicht:Münchhausen war ein Lügner.
Gödels Theorem wirkt auf den ersten Blicketwas unscheinbar, doch bedenk:Gödel hat recht.
«In jedem genügend reichhaltigen Systemlassen sich Sätze formulieren,die innerhalb des Systemsweder beweis- noch widerlegbar sind,es sei denn das Systemwäre selber inkonsistent.»
Du kannst deine eigene Sprachein deiner eigenen Sprache beschreiben:aber nicht ganz.Du kannst dein eigenes Gehirnmit deinem eigenen Gehirn erforschen:aber nicht ganz.Usw.
Um sich zu rechtfertigenmuss jedes denkbare Systemsich transzendieren,d. h. zerstören.
«Genügend reichhaltig» oder nicht:Widerspruchsfreiheitist eine Mangelerscheinungoder ein Widerspruch.
(Gewissheit = Inkonsistenz.)
Jeder denkbare Reiter,also auch Münchhausen,also auch du bist ein Subsystemeines genügend reichhaltigen Sumpfes.
Und ein Subsystem dieses Subsystemsist der eigene Schopf,dieses Hebezeugfür Reformisten und Lügner.
In jedem genügend reichhaltigen System,also auch in diesem Sumpf hier,lassen sich Sätze formlieren,die innerhalb des Systemsweder beweis- noch widerlegbar sind.
Diese Sätze nimm in die Handund zieh!

In der nächsten Woche, am 11. November, feiert HME seinen 80.!

 

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