Auf dem Sofa_06



Tagebuch meiner Lektüren
Juni 2009

Auf dem Sofa_06Tagebuch meiner Lektüren: Juni

1. Juni: DIE ENDLOSE AUSDEHNUNG VON ZELLULOID. 100 JAHRE FILM UND KINO IM GEDICHT (herausgegeben von Andreas Kramer und Jan Volker Röhnert, Edition Azur 2009). ––– 2.–4. Juni: LOUIS BEGLEY: „DER FALL DREYFUS – TEUFELSINSEL, GUANTÁNAMO, ALPTRAUM DER GESCHICHTE (aus dem Englischen von Christa Krüger, Suhrkamp 2009). G. Sonnevi: Das brennende Haus. Gedichte (Hanser 2009). COHEN: schön, lustig, traurig, verspielt. ––– 9.–16. Juni: MICHAELA KARL: „WIR FORDERN DIE HÄLFTE DER WELT!“ DER KAMPF DER SUFFRAGETTEN UM DAS FRAUENSTIMMRECHT (S. Fischer 2009). Zur Hälfte in England gelesen, was ganz schön war, da das Buch auch einen Abriss der englischen Geschichte von ca. 1750 bis 1920 gibt. Das Buch hat kein Register! Und der Stil ist ziemlich dürftig. Und dennoch rührt sich da der Wunsch, das Buch möge Pflichtlektüre in allen Schulen sein, zum einen weil es die Überheblichkeit gegenüber „rückständigen“ Ländern, eindämmte (so lange ist das ja noch nicht her mit unserer Fortschrittlichkeit und Geschlechteremanzipation, zum zweiten weil es daran erinnert, gegen welche heute unfassbaren rechtlichen Ungleichheiten und Vorurteile die Frauen gekämpft haben und wie schwer dieser Kampf war und dass die heutige Stellung der Frau alles andere als selbstverständlich ist. Und auch am 5. Juni, DON COLES: DIE WEISSEN KÖRPER DER ENGEL. GEDICHTE (zweisprachige Ausgabe, ausgewählt und übertragen von Margitt Lehbert, Edition Rugerup 2007). Eine sehr schöne Reihe, aus der ich noch zwei andere Bände habe (die ich aber erst später besprechen kann) – Don Coles ist Amerikaner, 1928 in Woodstock, Ontario, geboren, lebte nach dem Studium zehn Jahre in Europa, was seiner Lyrik sehr anzumerken ist, wirft mit den großen Namen toter Europäer um sich, als wäre das nichts. Aber THE PRINZHORN COLLECTION, über die private Sammlung ist nicht nur formal interessant – ein Langgedicht mit großen Freiheiten im Aufbau, häufig auf dem Grat balancierend zwischen Lyrik und Prosa, das atmet! –, sondern da finden sich auch diese Verse:

 

The women picture themselves always
naked; very often kneeling; and time
after time their faces, averted from us
And curtained by manes of long, long
hair hanging down their backs – can it be
that it was never cut? –

 

... und wen zieht da das long, long nicht mit hinab in die Tiefe? ––– 22. Juni: ANNA FREUD: DAS ICH UND DIE ABWEHRMECHANISMEN. ––– 23./24. Juni: MICHEL FOUCAULT: HERMENEUTIK DES SUBJEKTS. Erste Vorlesung. Sein Lehrstuhl trug den Titel: „Geschichte der Denksysteme“.

 

Man müsste über das von mir Vorgestellte diskutieren. Manchmal, wenn die Vorlesung nicht gut war, würde ein Weniges genügen, eine Frage, uma alles zurechtzurücken. Aber diese Frage kommt nie. (. . .) Und da es keine Rückkoppelung gibt, wird die Vorlesung theatralisch. Ich habe zu den anwesenden Personen eine Beziehung wie ein Schauspieler oder Akrobat. Und wenn ich aufhöre zu sprechen, die Empfindung totaler Einsamkeit.

 

Sorge um sich selbst, denke ich dann am nächsten Morgen, als ich aus dem Fenster blicke, beim Trinken des ersten Tees. Und ich spüre, wie mein Körper augenblicklich ins Zentrum rückt, sich die Aufgaben, Pflichten, deren Last mich eben noch niederdrückte, drumherumgruppieren, am Rande stehen, so dass sie plötzlich leicht, erfüllbar erscheinen. ––– 24. Juni: Wieder mal in VIRGINIA WOOLFs TAGEBÜCHERn. Die Beschreibung der Sonnenfinsternis – und von da aus galoppiere ich ein bisschen wild durch den Band. ––– 25. Juni: GERTRUD. ––– 27. Juni: PRIMO LEVI: IST DAS EIN MENSCH? EIN AUTOBIOGRAPHISCHER BERICHT (aus dem Italienischen von Heinz Riedt, dtv 2009). Levi beschreibt auch die Prüfung, die er, als promovierter Chemiker für die Arbeit bei BUNA ausgewählt, abzulegen hat (und er fragt sich, wie die anderen Häftlinge, ob er, nach drei Monaten im Lager, überhaupt noch imstande ist zu schreiben), und er steht bei der Prüfung einem Doktor Pannwitz gegenüber:

 

Pannwitz ist hochgewachsen, mager und blond; er hat Augen, Haare und Nase, wie alle Deutschen sie haben müssen, und er thront fürchterlich hinter einem wuchtigen Schreibtisch. Ich, Häftling 174 517, stehe in seinem Arbeitszimmer, einem richtigen Arbeitszimmer, klar, sauber und ordentlich, und mir ist, als müßte ich überall, wo ich hinkomme, Schmutzflecken hinterlassen.

Wie er mit Schreiben fertig ist, hebt er die Augen und sieht mich an.

Von Stund an habe ich oft und unter verschiedenen Aspekten an diesen Doktor Pannwitz denken müssen. Ich habe mich gefragt, was wohl im Innern dieses Menschen vorgegangen sein mag und womit er neben der Polymerisation und dem germanischen Bewußtsein seine Zeit ausfüllte; seit ich wieder ein freier Mensch bin, wünsche ich mir besonders, ihm noch einmal zu begegnen, nicht aus Rachsucht, sondern aus Neugierde auf die menschliche Seele.

Denn zwischen Menschen hat es einen solchen Blick nie gegeben. Könnte ich mir aber bis ins letzte die Eigenart jenes Blickes erklären, der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns im Dritten Reich erklärt.

 

28. Juni: ERIKA MANN: BLITZE ÜBERM OZEAN – AUFSÄTZE, REDEN, REPORTAGEN (ROWOHLT 2000). ––– 29. Juni: Wahrscheinlich war’s ein Versehen des Verlags (als hätten sie gewusst, was bei mir demnächst ansteht), dass gestern nicht nur ein dicker Band MAYRÖCKER-Gedichte ankam, sondern auch das hier: UWE JOHNSON – SIEGFRIED UNSELD: DER BRIEFWECHSEL (herausgegeben von Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger, Suhrkamp 1999), aber was habe ich da für ein Glück gehabt! Obwohl ich nur mal kurz reinsehen wollte und eigentlich anderes zu tun gewesen wäre, habe ich dann mindestens zwei Stunden in diesem Hin und Her der Briefe gelesen, vorne, in der Mitte und hinten, nicht sehr systematisch also, aber es sollte ja auch noch nicht die eigentliche Lektüre werden, nur blieb ich eben immerzu hängen, wenn ich doch weiterblättern wollte und vielleicht ist es sogar besser so, unsystematisch blätternd, hängenbleibend, springend. Am 1. April 1979, zum zwanzigjährigen Jahrestag der Verbindung und Freundschaft, schreibt JOHNSON an UNSELD: „Nach zwanzig Jahren einvernehmentlichen wie streitbaren Gesprächs hast du auch erfahren von dem Ungeschriebenen, und so bist du für mich der menschliche Ort geworden, ohne den das einsamste Leben unmöglich ist: die Gewissheit, dass es in der Welt einen Menschen gibt, bei dem man als zusammengefasste Kenntnis sicher aufgehoben ist.“

 

//Foto von Unseld in Wasserburg, 1962, auf dem er energisch, sensibel, verträumt, aussieht (und natürlich würde ich das hier gern wiedergeben, aber sicher hängen da unbezahlbare Rechte dran, und so muss also die Imagination genügen). Aber von den Hoffnungen ist besser nicht sprechen. Meist zahlt man, wenn sie sich erfüllen, einen hohen, allzu hohen Preis.//

 

30. Juni: Heute brachte ich auf einem morgendlichen Viel-Gänge-Weg auch ein paar aussortierte Bücher in den 1-Euro-Buchladen in der Finowstraße und durfte mir, da ich kein Geld haben wollte, ein Buch aussuchen, nahm CHRISTA WOLFs: KINDHEITSMUSTER (Aufbau 1977, leider nicht die Erstausgabe und ohne Schutzumschlag), schon mit Blick auf das neue Schreibvorhaben, den zweiten Roman, und im Buch fand ich eben, als ich ein paar Seiten umblätterte – das muss sein, um das Buch der Bibliothek einzuverleiben – einen Fahrschein der BVB (Städt. Nahverkehr, Hauptstadt der DDR, Berlin, Preisstufe 1), mit fünflöchrigem Lochmuster, der, den billigen Charakter seines Materials weitergebend, auf Seite 40/41 aufs Papier abgefärbt hatte. Auch in den Büchern meiner Eltern finde ich immer wieder Nahverkehrsfahrscheine, und bin dann immer gleich in die Kindheit zurückversetzt, jetzt, im Sommer, spüre ich die nackten Beine, die auf den Plastesitzen klebenbleiben (ein leichter, ziehender Schmerz beim Aufstehen), das glattpolierte Holz mit den Fugen zwischen den Leisten; damals konnte man noch die Fenster herunterziehen bis zur Mitte, und alles zauste im Fahrtwind – aber nun bin ich ja fast schon im nächsten zu schreibenden Buch und schreie Halt!, Aussteigen!, lass dich nicht von Kindheitserinnerungen nostalgisch stimmen, so geht es nicht. Und das alles, das Aufsteigen der Erinnerung, das Blättern im Buch vor mir und im Gehirn, ist natürlich höchst passend für die KINDHEITSMUSTER, die jetzt aber erst mal in den Karton mit dem Material fürs neue Vorhaben wandern – denn noch ist ja der Erstling nicht fertig.

 

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