Eine Sizilianerin
Die Friedenauer Presse hat Maria Messina, der 1887 in Palermo geborenen, früh hochgeschätzten und von Leonardo Sciascia, ihrem Wiederentdecker in den 1970ern, als sizilianische Katherine Mansfield gefeierten Autorin eine wunderschön edierte, dreibändige Auswahl gewidmet, zwei Romane und – mit dem zuletzt erschienenen Band »Sterne, die fallen« – eine Auswahl an Erzählungen. Messina schildert darin einfühlsam und psychologisch genau das Leben der Frauen in der archaisch-patriarchalen sizilischen Welt. Je nach Klassenzugehörigkeit werden sie wie Arbeitstiere gehalten oder wie Püppchen aufs Sofa gesetzt – doch immer stehen sie einer rein männlichen Obrigkeit gegenüber, seien es Beamte, Polizisten oder Ärzte, und sind von Männern abhängig: erst dem Vater, Onkeln, Brüdern, dann dem Ehemann, schließlich den eigenen Söhnen. Auch Messinas Vater, ein Schulinspektor, war so ein Mann. Er verbot Messina den Besuch einer Schule (während der Bruder selbstverständlich studierte); mit Hilfe der Mutter brachte sie sich Lesen und Schreiben bei, las unermüdlich, schrieb. Welchen Mut, was für eine Willenskraft muss diese Frau besessen haben, Schriftstellerin zu werden! Diese Kraft steckt in jedem ihrer Sätze, und doch ist alles voller Zärtlichkeit, voller Liebe.
FAS Nr. 14, 5. April 2026, Feuilleton Seite 38
