10. September

20.08.2023

10. SeptemberBuchbesprechung

Ostdeutsche Tauchfahrt

Ulrich Wüst, geboren 1949 in Magdeburg, ist ein Fotograf, der aus der Trümmerwelt der Nachkriegszeit kam, die sich im Osten Deutschlands, in der DDR und vor allem in Ost-Berlin, wo Wüst seit 1972 lebt und arbeitet, bis weit in die neunziger Jahre hinein erhielt: Brachflächen, wüstengleiche Grünanlagen und endlose lineare Straßen- und Straßenbahntrassen, Buden, Brandmauern, Provisorien, Geflicktes, Verfall. Darin Relikte aus der Vorkriegsvergangenheit: Inschriften, Grabsteine, Putz- und Stuckreste – im Zerfall noch anwesend, aber nicht Teil der offiziellen Erzählung, umgeben von Geheimnis und Verbot und so zwar sichtbar, aber beschwiegen und mehr und mehr unlesbar. Für jemanden, der, ein Kind noch, eine Heranwachsende, in dieser Welt aufgewachsen ist, sind Wüsts Fotografien wie Tauchfahrten in die eigene Vergangenheit, in der diese jedoch, unter dem analytischen Blick entblößt von jedem Gefühl, jeder Szene, einen ganz anderen Charakter bekommt. Sie erstarrt zu einer kalten, menschenleeren und menschenfeindlichen Welt, die der eigenen Erinnerung, angefüllt mit Empfindungen, mit Träumen, mit Gespräch, fremd ist – und doch gerade deshalb in den Bann zieht und fasziniert, denn: In dieser leergeräumten Kulisse haben wir gelebt! Wüst ist ausgebildeter Stadtplaner, er hat in Weimar an der ehemaligen Bauhaus-Universität studiert, und seinen Fotografien ostdeutscher Stadtlandschaften merkt man die Sachlichkeit seines Berufs wie die ästhetische Tradition seiner Ausbildungsstätte deutlich an. Wüsts Aufnahmen sind hochkonzentriert, antinarrativ, dokumentarisch, antipoetisch. Sorgfältig kadriert, isolieren sie einzelne Gebäude, oft in Frontalansicht und unverzerrt, und bevorzugen statt starker Kontraste ein gleichmäßiges weiches Licht, wie man es von den Aufnahmen der Bechers und der Düsseldorfer Fotoschule kennt. Sie zeigen auf, legen bloß, zwingen, genau hinzuschauen, konfrontieren einen mit der Realität eines Stadtraums, der, so entblößt, nurmehr wie die architektonische Hinterlassenschaft des Menschen und eigentlich posthuman wirkt. »The Presence of Something Past« heißt der im Kerber-Verlag herausgegebene Band, der sechzehn fotografische Serien aus vier Jahrzehnten versammelt – und macht bewusst, wie das, was wir unseren Städten in Krieg und Nachkrieg angetan haben, nicht nur im gegenwärtigen Stadtbild, sondern in uns selbst nachwirkt.


Gary Van Zante (Hg.): »The Presence of Something Past – Ulrich Wüst Photographs«. Kerber Photo, 320 Seiten, 100 farbige und 416 Duplex-Abbildungen, 50 Euro

FAS Nr. 36, 10. September 2023, Feuilleton Seite 38

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