Matriarchat
Materie ist alles, was Raum einnimmt und Masse hat. Materie ist verwandt mit mater, also Mutter. Die Materie, die die Mutter ist, hat vielleicht auf Kreta besonders viel Raum eingenommen in der Bronzezeit. Eine von Arthur Evans’ Vermutungen war, dass die Gesellschaft matriarchal organisiert gewesen sein könnte, da er viele Skulpturen von Frauen ausgegraben hat, die er als Darstellungen der Großen Göttin interpretierte. Inzwischen ist diese These weitestgehend widerlegt, was mich ab und zu betrübt. Könnte es nicht so gewesen sein: Wenn schon kein Matriarchat, dann eine Gesellschaft, in der die Frauen eine Stellung hatten, die ihnen erlaubte, untereinander ehrlich zu sein. Sich an einem bestimmten Tag in der Woche, an dem sie keine anderen Pflichten hatten, in kleinen Gruppen zu treffen und Worte zu finden für das, was sie beobachtet, wie sie sich gefühlt haben. Wo keine Worte passten, zeichneten sie Symbole. Zum Beispiel das Symbol, das später für einen Irrgarten gehalten wurde. In Wirklichkeit steht es für komplexe Gefühlslagen, wie beispielsweise die: für sich einstehen zu wollen, aber zu wissen, dass man, wenn man etwas sagt, als laut abgestempelt und erst recht nicht gehört werden wird. Das Gefühl für alles verantwortlich zu sein und sich daher für alles entschuldigen zu müssen, auch für Wetterlagen und Warteschlangen. Das Gefühl, dass andere dafür gekämpft haben, dass man das tun kann, was man tun möchte, dass aber alles, was man tut, eine Anmaßung bleibt, nicht relevant genug, nicht universell.
Regina Dürig, Frauen und Steine. Erzählungen
