Lektüre

03.12.2025

Lektüre3. Dezember

Erziehung zur Freiheit
Immanuel Kant über Pädagogik

Etappen der praktischen Erziehung. Bei ihr geht es, im Unterschied zur rein physischen Erziehung, vom Beginn um das, was der Mensch als vernunftbegabtes Lebewesen zu lernen hat. Diese praktische Erziehung hat Kant in vier Schritte ausdifferenziert. – Sie beginnt als Disziplinierung, die jedoch streng von den Maßnahmen unterschieden ist, mit denen man Hunde oder Pferde abrichtet. Die Disziplinierung des Zöglings, die er besonders in seinen ersten Schuljahren erfährt, ist keine Tierdressur. Kant stellte zwar fest: »Disziplin oder Zucht ändert die Tierheit in die Menschheit um«. Aber sie ist nicht tierisch begründet oder auf den Menschen als körperliches Wesen ausgerichtet. Mit biologischen oder physischen Kategorien ist sie nicht adäquat zu bestimmmen. Denn auch in ihr ist schon ein Vorgriff auf das Erziehungsziel impliziert: Der junge Mensch soll befähigt werden, das praktisch-geistig-moralische Regelsystem zu erlernen und zu befolgen, das ihn als Menschen auszeichnet. Dazu aber ist es notwendig, seine ursprüngliche natürliche Ungebundenheit unter Kontrolle zu bekommen. Sein großer Hang zur Freiheit muss in die richtigen Bahnen gelenkt werden. »Disziplinierung ist also bloß Bezähmung der Wildheit«. Kant hat diese Wildheit als radikale Unabhängigkeit von jenen Gesetzen verstanden, die ein geselliges menschliches Zusammenleben ermöglichen. Dass ein Mensch sich diszipliniert zu verhalten lernen muss, bedeutet deshalb nicht, seinen eigenen Willen zu brechen und einem anderen, despotischen Willen zu unterwerfen. Es heißt nur, ihn in seiner Entwicklung zu lenken und auf den richtigen Weg zu bringen. Es ist nur ein erster Schritt in einem zielgerichteten Erziehungsprozess, der den nächsten ermöglicht.

»Zweitens muss der Mensch kultiviert werden. Kultur begreift unter sich die Belehrung und die Unterweisung«. Kultivierung verschafft die geistige Geschicklichkeit, sich in der Sachwelt orientieren zu können. Kinder müssen denken lernen, wozu besonders der Erwerb von Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben hilfreich ist, um an einer Schriftkultur teilnehmen zu können.

Um sich in der sozialen Mitwelt klug bewegen zu können, ist drittens Zivilisierung erforderlich. Erzieherisch sollte man darauf Wert legen, »daß der Mensch auch klug werde, in die menschliche Gemeinschaft passe, daß er beliebt sei, und Einfluß habe. Hierzu gehört eine gewisse Art von Kultur, die man Zivilisierung nennt. Zu derselben sind Manierlichkeit, Artigkeit und eine gewisse Klugheit erforderlich«. 

Die letzte und höchste Stufe, auf die Kants Pädagogik ausgerichtet ist, übersteigt die Etappen der kultivierten Geschicklichkeit und der zivilisierten Klugheit. »Viertens muß man auf die Moralisierung sehen. Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute Zwecke erwähle«. [...] Moralisierung bedeutet Ausbildung von Maximen, also von subjektiven Prinzipien, die sich an der Idee des Guten orientieren. Sie sind nicht angeboren, sondern müssen gelehrt und gelernt werden. »Die erste Bemühung bei der moralischen Erziehung ist, einen Charakter zu gründen. Der Charakter besteht in der Fertigkeit, nach Maximen zu handeln. Im Anfang sind es Schulmaximen, und nachher Maximen der Menschheit«. 

Pädagogik in kosmopolitischer Absicht. Kants philosophische Ethik intendierte auf gute Zwecke, die notwendigerweise von allen gebilligt werden können und im kategorischen Imperativ als Grundlagen eines allgemeinen Gesetzes gemeint waren. Die Maximen wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit, des Wohlwollens und der Friedfertigkeit sollten nicht nur an einzelnen Orten zu einer bestimmten Zeit unterschiedliche Menschen charakterisieren. Sie beanspruchten eine universelle und überzeitliche Geltung. Es ist die Aufgabe einer guten Pädagogik, diesem kosmopolitischen Anspruch gerecht zu werden und ihn im mühsamen Prozess der Moralisierung des kindlichen Willens zu verwirklichen.

[...]

Erziehung zur Freiheit. In der Einleitung von Immanuel Kant über Pädagogik ist zu lesen: »Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwang? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen«.

[...]

Kant selbst hat den Widerstreit zwischen Zwang und Freiheit nicht als unauflösbare Paradoxie oder Antinomie gesehen. Er sprach nur von »einem der größten Probleme der Erziehung« und bot dafür eine reflektierte Lösung an. Er unterschied zwei Formen der Freiheit: eine ursprünglich undisziplinierte, wilde und rohe Willkür-Freiheit, die auch im neugeborenen Menschen wie ein blinder Naturtrieb wirksam ist; und eine disziplinierte und kultivierte Willens- und Handlungsfreiheit, die überlegt und vernünftig gebraucht werden kann. Auch sie ist als Naturanlage in jedem Menschen angelegt. Aber sie lässt sich nicht durch Dressur, Abrichtung oder mechanischen Unterricht entwickeln. Sie muss »aufgeklärt« werden. [...] als Lehrer der Aufklärung engagierte [Kant] sich für eine Pädagogik, die das Kind von Anfang an als vernunftfähiges Lebewesen respektiert und in seiner Entwicklung zur Mündigkeit anleitet. Selbst seine ersten, noch unmündigen Lebensphasen müssen im Licht von menschlicher Freiheit und Vernunft gesehen werden, die ihm wesentlich zu eigen sind.

Kant hat die Spannung zwischen Freiheit und Zwang als eines der größten Probleme der Erziehung behandelt, das es zu lösen galt. Aber er gab auch zu bedenken, dass der ganze Erziehungsprozess selbst, wenn man ihn in seiner geschichtlichen Dimension betrachtet, als solcher hochproblematisch ist. Er ist die größte Herausforderung schlechthin. Denn wenn der Mensch nur Mensch werden kann durch Erziehung und wenn man reiflich überdenkt, »daß der Mensch nur durch Menschen erzogen wird, durch Menschen, die ebenfalls erzogen sind«, dann wird man finden, »daß dieses sehr schwer ist. Daher ist die Erziehung das größeste Problem, und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden. Denn Einsicht hängt von der Erziehung, und Erziehung hängt wieder von der Einsicht ab. Daher kann die Erziehung auch nur nach und nach einen Schritt vorwärts tun, und nur dadurch, daß eine Generation ihre Erfahrungen und Kenntnisse der folgenden überliefert, diese wieder etwas hinzu tut, und es so der folgenden übergibt, kann ein richtiger Begriff von der Erziehungsart entspringen«.


Manfred Geier: Das reine Gold des Denkens. Immanuel Kants geistige Revolution. Essays und Vorträge

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