Hans und Alexander


Veröffentlicht in EDIT 
Nr. 45, Frühjahr 2008

 

Hans und AlexanderErzählung


Hans war Kulturattaché, dachte ich mir, und er war demzufolge kein Deutscher, denn sonst hätte ich im Ausland gelebt, aber das tat ich nicht, tatsächlich lebte ich in Berlin, wie fast immer, wie schon mein ganzes Leben. Ich kannte keinen Kulturattaché, ich hatte keine Ahnung, wie jemand, der Kulturattaché war, war, ob er ein arroganter Heuchler war, wie ich es mir vorstellte, aber Hans war kein arroganter Heuchler, und so war er vielleicht auch kein Kulturattaché, aber er sagte, er wär’ einer, und ich denke, er war’s.

Er war kein Deutscher, aber ich habe nie herausbekommen, was er war, woher er kam, jedenfalls sprach er ziemlich gut Englisch und ausgezeichnet Französisch und ein bisschen Italienisch und Deutsch, als wäre es seine Muttersprache, und ich dachte, er sei Franzose, oder Deutsch-Franzose, denn er hieß ja Hans und nicht Jean, auch wenn ich ihn manchmal so nannte, und nicht nur wenn wir Französisch miteinander sprachen, aber er sprach auch Ungarisch, und das verwirrte mich. Das erfuhr ich jedoch erst später, als wir zusammen in Budapest waren und nach Debrecen fuhren und einen Freund von ihm besuchten, der Gabór hieß. Und ich wunderte mich und musterte ihn aufmerksam und ging in der Wohnung von Gabór herum und besah mir die Bücher und die Bilder und die Risse in der Tapete und die Flecken auf dem Teppich, während die beiden Ungarisch sprachen und Kaffee tranken und Gabór eine Unmenge von Zigaretten rauchte, dass man kaum atmen konnte, und ich sah aus dem Fenster und suchte Hans’ Gesicht im Spiegel der Scheibe, und er sah mich an und stand auf und umarmte seinen Freund und verabschiedete sich und umarmte ihn noch einmal, und Gabór entschuldigte sich, dass sie die ganze Zeit über Ungarisch gesprochen hätten, denn er konnte auch sehr gut Deutsch, aber ich glaube, es war Absicht, denn Ungarisch verstand ich wirklich kein Wort, und Gabór hatte im Deutschen einen starken Akzent und Hans keinen. Und sie umarmten sich noch einmal, als sollten sie sich nie wiedersehen, und als wir aus dem Hof getreten waren und auf der Straße standen, legte Hans seinen Arm um meine Schulter, und schweigend gingen wir bis zum Bahnhof, wo er am Kiosk zwei Becher Kaffee kaufte, und wir tranken und schwiegen, und ich legte mein Gesicht an seines. Später, als wir im Nachtzug von Budapest zurück nach Berlin fuhren und nebeneinander auf der sehr schmalen Schlafpritsche lagen, fragte ich ihn, und er sagte, ich bin Europäer. Nansen-Pass?, fragte ich. Nonsens-Pass, sagte er. Und du bist Diplomat? Ja, darum, sagte er. Dann zeig ihn mir, bat ich. Er liegt beim Schaffner wegen der Grenze, du weißt. Und da hatte er recht, und ich sagte, dann morgen, wenn wir sie zurückbekommen. Aber am Morgen hatte er seinen schon abgeholt, bevor ich meinen zurückbekam, und als ich fragte, sagte er, ich habe ihn nicht mehr, und es stimmte, er hatte ihn verlegt, es war oft so, dass Dinge von ihm verschwanden und wir sie nicht wiederfinden konnten, obwohl sie doch irgendwo sein mussten, und ich fragte, bekommst du leicht einen neuen, und er lachte und sagte, ja, und ich fragte, wo?, und er sagte nur noch, wenn du es nicht weißt, und damit hatte er wieder recht, und ich schwieg, und er brachte mich nach Hause und küsste mich und fragte, heute Abend?, und ich nickte, und dann vergaß ich es.

Denn ich begann mit der Arbeit, und die Arbeit bestand darin, Dinge aufzuschreiben, Dinge, die wir erlebt hatten und die ich erlebt hatte und die ich mir ausgedacht hatte und die ich mir ausdachte. Das ist immer meine Arbeit, nicht nur wenn ich von einer Reise zurückkomme, jedenfalls geht es mir gut, wenn das meine Arbeit ist, denn häufig muss ich auch anderes tun, was ein viel größeres Gewicht hat, so groß, dass es mich oft niederdrückt, obwohl es viel leichter ist und jeder das tun könnte, nicht nur ich, meine Arbeit aber kann nur ich tun. Am Abend, als Hans mich abholte, war ich noch mittendrin, aber ganz erschöpft, und er legte seine Hände auf meine Schultern und zog mich an den Schultern hoch und vom Schreibtisch weg, und ich protestierte, aber dann war ich froh, dass er gekommen war und mich aus der Anspannung weggeholt hatte. Ich zog mich um, und wir gingen etwas essen, eine 2-Euro-Pizza, wie es sie in meinem Stadtteil gibt, und ich fragte, wie hältst du das aus, und er lachte und sagte, und du?, aber ich habe nicht solche Ansprüche wie er, aber vielleicht hat er sie auch nicht, und ich bilde es mir nur ein, weil er Kulturattaché ist und ich mir sein Leben glanzvoll und elitär und abgehoben denke, wenigstens zwei Fußbreit über der Erde schwebend, aber eigentlich findet er sich in alles und in allem zurecht, und darin zeigt sich wahrscheinlich seine diplomatische Natur, und im Grunde bin ich es, die Ansprüche hat, übertriebene auch, die jammert und sich beklagt und meint, sie hätte Besseres verdient. Nach dem Essen gingen wir noch eine Weile durch die Straßen, und Hans sagte, er müsse schon morgen wieder verreisen, könne mich aber nicht mitnehmen diesmal, und er müsse sehr früh los, und ob er dennoch über Nacht bleiben solle oder ob ich noch arbeiten wolle, und wann musst du los?, fragte ich, halb sechs, wenn ich bei mir schlafe, halb fünf, wenn ich bei dir bleibe, denn ich habe noch nichts gepackt, und wie lange bist du weg, fünf Tage, dann bleib bitte, ich wollte noch arbeiten, aber wenn es unser letzter Abend ist, dann eben nicht, und ich kann ja auch noch arbeiten, wenn du mitkommst, ich arbeite gern, wenn du da bist und auf dem Bett liegst und liest und mir zusiehst und da bist. Und er nickte, und wir gingen noch ein Stück und dann zu mir. Es war ein schöner letzter Abend, wie immer.

Er war viel unterwegs, und doch immer da, wenn ich ihn brauchte oder ich es mir mit ihm gemütlich machen wollte oder einen Satz vorlesen oder eine Musik vorspielen oder einen Kaffee trinken oder ihn etwas fragen. Und er kam oder wir mussten erst telefonieren, und dann kam er etwas später, aber er kam, und er saß oder lag auf meinem Bett und hörte mir zu und kochte mir Tee und heiße Schokolade und brachte mich zum Lachen. Und ich las ihm vor, und er las meine Sachen, und wir stritten über Sätze und Satzzeichen und einzelne Wörter, und er las meine Sachen gründlich und warf mir meine Schlampereien an den Kopfer war streng zu mir, wie ich es brauchte, und er ermutigte mich. Er war der Einzige, der mich immerfort ermutigte, immer, wenn mir der Kopf auf die Brust sank, und vielleicht habe ich ihn mir deshalb ausgedacht.

Alexander war weder so noch so zu mir, er war eigentlich gar nicht zu mir, weil er nie da war, wir trafen uns nur stundenweise, in einem Café, einem Eckcafé, an einem Tisch im Fensterzwickel, dort saßen wir und verbrachten ein paar Stunden, sahen aneinander vorbei aus dem Fenster, durch diese großen, von der Decke bis zum Boden reichenden Scheiben, in den Verkehr und die Gesichter der vorübergehenden Menschen, ob wir jemanden sähen, den wir kannten, und nur kurz streifte unser Blick über das Gesicht des anderen, wir sahen uns nicht an, und wir sprachen nicht miteinander. Wir wussten alles voneinander, dachten wir, ohne zu sprechen, und sprachen daher nichts, dann aber, plötzlich, beide gleichzeitig, den Blick noch immer und immer am andern vorbeigerichtet, was kein Zueinander-Sprechen ist. Das war der Unterschied, einer der Unterschiede zu Hans, denn ihn sah ich immer an, wenn ich mit ihm sprach, und er mich, wenn er mir zuhörte und mir antwortete und mir erzählte. Sogar wenn wir telefonierten, sahen wir uns an. Alexander und ich aber sahen aneinander vorbei, wir brauchten uns nicht zu erforschen, zu vergewissern. Alexander war mir sehr nahe, viel näher als Hans, wie ein jüngerer Brüder, den ich von klein und von Grund auf kannte, alle seine Geheimnisse, die er niemandem erzählte, und der mir fremd war, aber fremd auf eine nahe Art, und nicht auf eine ferne Art vertraut wie Hans.

Hans hatte Freunde und Bekannte und Kollegen. Und manchmal, wenn er bei mir war, riefen sie an, und er sprach mit ihnen am Telefon und war ernst und lachte, und ich hatte ein paar Minuten, um ihn zu betrachten, ehe er auflegte, denn er telefonierte immer nur kurz, und er gefiel mir. Die Kollegen riefen auch manchmal an, wenn er noch nicht da, aber unterwegs war, in irgendeinem Flugzeug, um mir zu sagen, dass er sich verspäten würde und dass ich warten müsse. Und ich wartete. Ich habe viel gewartet. Aber er kam immer.

Hans und ich, wir sprechen manchmal über Kinder oder ein Kind, Hans möchte Kinder, wenigstens eins, und ich weiß nicht, ob ich möchte, ob ich überhaupt möchte oder später eins möchte, jetzt möchte ich keins, aber später vielleicht, in ein paar Jahren, aber das sage ich schon seit ein paar Jahren, seit drei oder vier Jahren, seitdem er mich das erste Mal gefragt hat, und es hat sich bei mir nichts geändert, und ich denke, wenn es so weit ist, ist es so weit, und wenn nicht, nicht, aber bei Hans ist es schon so weit, und so ist er ungeduldig und auch traurig, und manchmal erzählt er mir, wie er es sich vorstellt, wie wir dann leben würden, und dann kann ich mir es auch vorstellen und stelle es mir schön vor, aber wenn er nicht mehr davon spricht, stelle ich es mir nicht mehr vor, weil es mir nicht fehlt, und es fehlt mir nicht.

Und er spricht auch vom Zusammenziehen, denn wir wohnen nicht zusammen, er hat eine Wohnung, ich habe eine Wohnung, und er hat ein paar Sachen bei mir, und ich habe ein paar Sachen bei ihm, aber meistens übernachtet er bei mir, und er kommt auch, wenn ich ihn mitten in der Nacht anrufe und sage, kannst du kommen?, er sagt dann, ich weiß, ich habe es gespürt, ich bin schon unterwegs. Und ich sage, wie ist das möglich?, ich glaube es nicht, ich habe dich ja auf dem Apparat zu Hause angerufen. Und er lacht und sagt, ich habe es umgeleitet, du ahnst gar nicht, was alles möglich ist, und jetzt biege ich in die Galileistraße ein, und in fünf Sekunden werde ich bei dir klingeln. Ich zähle bis fünf, und es klingelt. Und ich sehe ihn erstaunt an, als er in der Tür steht, und er lacht und nimmt mich in den Arm und sagt, du glaubst es nicht, aber das macht nichts, es ist trotzdem wahr.

Ich arbeite viel in der Nacht, am besten arbeite ich zwischen neun und zwei, und so ist es meistens spät, wenn ich anrufe, halb zwei wenigstens, und ich weiß, ich wecke ihn, und ich entschuldige mich, aber er sagt, es gäbe nichts zu entschuldigen, er freue sich, und er kommt. Und wenn er kommt, liege ich schon im Bett, und er legt sich dazu, und wir sprechen lange und sehen uns in die Vordämmerungsgesichter, dieses erahnte Gesicht von ihm liebe ich am meisten, und seine Stimme nah an meinem Ohr, und wir sprechen lange und erzählen uns alles, und ich gestehe ihm meine Angst. Zum hundertsten Mal gestehe ich ihm meine Angst, meine Nachtangst, die keine Angst vor der Nacht ist, sondern in der Nacht, vor dem nächsten Tag und vor allen nächsten Tagen, die noch kommen werden, und vor dem irgendwann ausbleibenden nächsten Tag, der auch kommen wird. Und er tröstet mich, er redet mir die Angst nicht aus, aber er tröstet mich, durch Anwesenheit.

Dazu habe ich ihn mir erfunden, damit jemand neben mir anwesend ist, und er küsst mich und sagt, wie geht es dir, und ich sage, gut, du weißt ja, wie gut jetzt, jetzt geht es gut, und in meinem Übermut frage ich ihn, wie schon oft, nach den Frauen, die er vor mir gekannt hat, wie sie gewesen seien, und er sagt, die zählen nicht und er habe keine Lust, sich an sie zu erinnern, und ich ziehe ihn auf und sage, das hast du jeder gesagt, damit sie sich in Sicherheit wiegt, aber es gibt keine Sicherheit, und er fragt, wovor hast du jetzt wieder Angst?, dass ich irgendwann allein bin, das hängt nur von dir ab, du weißt, ich kann alles aufgeben oder ändern, den Beruf, mein Aussehen, meinen Wohnort, meine Art, zu sprechen, mich zu kleiden, meine Gewohnheiten, aber ich werde nie weggehen und dich allein lassen, wenn du es nicht willst. Und ich weiß, dass stimmt, was er sagt. Umgekehrt besteht keine Sicherheit, du kannst mich jederzeit aufgeben, ich weiß, dass ich dich mit nichts halten kann, wenn du nicht willst. Und auch damit hat er recht. Und er schweigt, und auch ich schweige einen langen Moment, und dann erzählt er mir, was er den Tag über gemacht hat, welchen Ärger es gegeben hat und welcher Unsinn nicht aufzuhalten war, und ich lache, und dann sagt er, Milena, lass uns jetzt schlafen, und ich sage, gut, schlaf gut, denn ich weiß, er muss früh aufstehen, und ein bisschen rücksichtsvoll bin selbst ich, wenn ich müde bin.

Hans und Alexander haben sich nie gesehen, sie kannten sich nur vom Erzählen, und Hans kannte Alexander von Fotos, aber Alexander Hans nicht, denn von Hans gab es kein Foto, man konnte von ihm kein Foto machen, er ließ sich nicht fotografieren, und er sagte, es hätte auch keinen Sinn, er würde sich nicht ähnlich sehen – und darin hatte er recht, und ich nahm alles aus meiner Imagination. Vielleicht hätte Alexander ein Foto von ihm machen können, aber sie sind sich nie begegnet, ich habe es immer verhindert, sie beide zusammen mit mir hätte meine Kraft überstiegen. Von Alexander gab es mehrere Fotos, vielleicht weil er mir so ähnlich war.

Hans sagte einmal zu mir, eines Tages wirst du über mich schreiben. Denn dazu hast du mich erfunden. Über uns, sagte ich. Wenn ich über dich schreibe, schreibe ich über uns. Aber es ist nicht wahr. Du hast immer recht, aber diesmal hast du nicht recht, ich habe dich nicht erfunden, um über dich oder uns zu schreiben, sondern um zu schreiben. Und er lächelte. Das Schreiben ist es nicht, aber wenn du’s jemandem zeigst. Wenn du’s jemandem zeigst, wird etwas passieren. Was?, fragte ich. Aber er wusste es nicht. Das gehört zu den Sachen, die man erst hinterher weiß, sagte er später.

Jetzt kommt er, und die letzten Sätze hat er gelesen, und er lächelt, wie es seine Art ist, wenn ich mir nichts denken soll, wenn er sich nicht zeigen will, wenn er sich versteckt, und er sagt, du setzt mich aufs Spiel, um jemanden zu gewinnen. Ich hoffe, du gewinnst jemanden. Es ist spät, und er bittet mich, endlich Schluss zu machen, er will noch einen Film mit mir ansehen, und ich sage, aber es ist spät, und er lächelt wieder und sagt, aber doch nicht so spät, für einen Film noch nicht zu spät. Aber du musst morgen so früh raus, nun ist es auch schon egal, ich möchte gern mit dir diesen Film sehen, und er läuft gleich in deinem kleinen Kino hier, also komm. Was für ein Film?, frage ich, komm, sagt er, du wirst es ja sehen.

So war unsere letzte Nacht eine Kinonacht, und dann sprachen wir über den Film, der ein Liebesfilm war, bis es schon wieder hell wurde, und Hans küsste mich zum Abschied, auf den Mund und beide Augen, wie er es immer tut, bevor er geht, und ich sah ihm vom Balkon aus nach, bis er an der Ecke war und verschwand, und ich ging ins Bett und schlief ein.

Mittags klingelte mein Telefon, es war Alexander, er sagte, ich bin morgen Nachmittag in Berlin, bleibe eine Nacht, holst du mich ab? Ja, sagte ich und legte auf und war froh, dass Hans auf Dienstreise war, er ist immer auf Dienstreise, wenn es sein muss, und nur manchmal, wenn es nicht sein muss, ich es aber ohne ihn aushalte, und er wird morgen Abend auch nicht anrufen wie heute Abend und die anderen Abende, obwohl er könnte, denn ich werde es ihm ohnehin erzählen, dass Alexander hier gewesen ist und bei mir übernachtet hat, und es ist auch gar nichts dabei, Alexander ist wie ein jüngerer Bruder, und ich weiß alles über ihn, aber Hans wird morgen nicht anrufen.

Alexander entzieht sich jedem, der nach ihm greift, und so greife ich nicht nach ihm, sehe ihn nicht einmal an, sondern an ihm vorbei, die ganze Fahrt vom Flughafen zurück in die Stadt, und weiß nicht, wo seine Augen sind, unsichtbar hinter der Sonnenbrille.

Wir gehen durch die Straßen und in unser Stammcafé, Alexander setzt die Sonnenbrille ab und bestellt einen Espresso und einen Milchkaffee, er setzt die Brille wieder auf und sieht hinaus auf die Straße, er holt Zeitungen, er bestellt einen zweiten Espresso, und nachdem er ihn getrunken hat, fragt er, wollen wir was kochen oder essen gehen?, essen gehen, sage ich, gut, wo?, fragt er, wo magst du?, sage ich, ich lade dich ein, komm, er bezahlt, draußen ist es schon fast dunkel, aber er trägt weiter seine Sonnenbrille, ich sage PPP, er dreht den Kopf weg, steckt aber dann die Sonnenbrille ein, wir gehen eine ziemliche Strecke, bis zu einem Italiener, der sehr schlicht, aber gut ist, Alexander findet immer die einfachen, die allereinfachsten Dinge, die sehr gut sind, er hat einen Sinn dafür, er bereitet sich die Dinge so zu, dass sie raffiniert werden, obgleich sie einfach sind, er kann zaubern. Nach dem Essen wischt er mit der Serviette die Krümel vom Tisch und legt ein Päckchen vor mich hin. Es ist klein, quadratisch, in grünes Papier verpackt. Englischgrün, sagt er und sieht aus dem Fenster. Möchtest du einen Kaffee? Gern, sage ich, und er bestellt zwei kleine Schwarze. Mach es auf, oder willst du nicht? Ich möchte es später aufmachen, wenn ich allein bin. Morgen? Morgen. Gut, dann pack es ein, zu viel Englischgrün auf dem Tisch, ich halte das nicht aus. Der Kaffee kommt, und ich stecke das Päckchen in meine Tasche. Mein Blick streift Alexanders Gesicht, es ist hart, kantig, der Mund ganz dünn. Ich erzähle ihm von der Ungarnfahrt, und er erzählt, kaum habe ich begonnen, von Patagonien, wir fallen uns ständig ins Wort, ich gestikuliere und werde laut, Alexander hält dagegen, ich erzähle von Ungarn, von Budapest und von Debrecen, aber so, als hätte ich die Reise allein gemacht, Alexander weiß von Hans, will aber nichts von ihm wissen, und so tue ich so, als ob es ihn nicht gibt, wie ich sonst so tue, als ob es ihn gäbe, aber dann sage ich doch einmal wir, und mit einemmal sind wir beide still und sehen auf die Tischplatte und wieder aneinander vorbei, zu den anderen Gästen, zur Bar, durch die schwarze Scheibe, in der sich alles spiegelt, auch mein Gesicht, das ich nicht erkenne, erst nicht, dann erschrocken erkenne, und seins, undeutlich, wie verwischt. Dann steht Alexander auf, nimmt meine Jacke, hält sie mir hin, nimmt seine Jacke und seine Tasche und geht auf die Straße.

Ich habe noch eine Verabredung, sagte er, ich komme später, wann später?, in zwei, drei Stunden, gut. Er ließ mich stehen, und ich wusste wieder, er kommt ohne mich aus, jeder wusste das, gerade deshalb riss sich alles um ihn und wollte ihn sehen, wenn er mal da war, und obwohl sich also Gründe angeben ließen, war das nicht zu verstehen. Man hatte nicht den Eindruck, dass er einen ausnutzte, dazu zeigte er jedem viel zu sehr, dass er ihn nicht brauchte. Er hatte viel Willenskraft und Selbstvertrauen, und jeder spürte das und tat, was er wollte.

Hans hatte auch viel Selbstvertrauen und Willenskraft, aber sie waren ganz anderer Art, verbindender, nicht trennender.

Wenn ich mit Alexander zusammen war, fühlte ich mich jung und verletzlich, wie ein Mädchen, wenn ich mit Hans zusammen war, erwachsen und geschützt, wie eine Frau.

Später, in meiner Wohnung ging Alexander herum, er fasste nichts an, er sah sich nur um, verglich mit dem Bild vom letzten Besuch, speicherte neu ab. Wir saßen auf dem Teppich im Wohnzimmer, und er versuchte zum hundertsten Mal, mir Schach beizubringen, aber ich langweilte mich, ich stand auf und holte eine Flasche Wein und Gläser, machte Musik an, Cooljazz, etwas, was ich sonst nie höre, und Alexander holte die Mappe mit den Fotos und zeigte mir die Aufnahmen von Patagonien, schwarzweiß.

Alexander war nie ganz aufrichtig, und wollte es auch nicht sein. Er erzählte einem erst dies, dann das, und es widersprach sich, und er wusste, dass es sich widersprach, aber es war ihm egal, denn es ging nicht um Worte, ihm ging es nie um Worte, sondern um Bilder. Und auf Bildern sind viele Dinge gleichzeitig wahr, und sie zeigen und verbergen und entziehen dem Betrachter, was sie zeigen.

Er flog nach Afrika oder Asien, nach Südamerika oder Grönland, um verlassene Orte zu fotografieren, Stillleben in XL. Und als ich jetzt die Patagonienbilder sah, diese große, stillen, leeren Bilder, schwarzweiß, fragte ich mich wieder, warum er nie Menschen fotografierte, und beneidete ihn darum, dass er den Menschen zeigen konnte, indem er ihn aussparte, was bei meiner Arbeit nicht geht, er zeigte die Landschaften und die Dinge der Menschen, aber nicht die Menschen, und ich erzählte ihm von dem Film, den ich machen wollte, um von der Sprache zum Bild zu kommen, um einmal von der Sprache wegzukommen, aber auch dieser Film käme natürlich nicht ohne Menschen aus, und es würde auch gesprochen werden, denn wenn man sie nicht zeigte, müssten sie wenigstens sprechen, und er nickte, und er legte seinen Kopf in meinen Schoß, denn er schlief schon halb, und ich hielt seinen Kopf, und dann legte ich mich neben ihn, und so schliefen wir, nebeneinander gesunken, auf dem Teppich.

Am Morgen war grelles Licht, ich saß mit zusammengekniffenen Augen beim Frühstück, und Alexander hatte seine Sonnenbrille auf und lächelte ironisch, und dann holte er seine Kamera und machte ein Foto von mir wie jedes Mal, und ich machte ein Foto von ihm mit der Brille vor den Augen, die er vielleicht geschlossen hatte.

Hans rief an, als Alexander weg und auf dem Weg zum Flughafen war und ich das Päckchen geöffnet hatte, er sagte, ich konnte gestern Abend nicht anrufen, es war Sturm, der Mast wurde beschädigt, es gab keinen Empfang, wo bist du?, in Grenoble, was machst du?, ich spreche mit dir, denn ich will wissen, wie es dir geht, also, wie geht es dir?, und ich erzählte ihm alles, und was in dem Päckchen war, und er lachte und fragte, zeigst du es mir? Natürlich nicht, sagte ich, wann bist du zurück?, heute Abend, heute Abend?, ja, ich fahre einen Tag eher, ich glaube, es muss sein, woher weißt du?, es wird aber spät, halb elf sicher, ich rufe dich vom Flughafen noch mal an, gut?, gut, salut. Und er legte auf, und ich stand da und wickelte Alexanders Geschenk wieder ins Papier und legte es in die Kommode, zu den anderen.

 

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