Jean-Luc Godard »Histoire(s) du cinéma«

15.01.2010

Jean-Luc Godard »Histoire(s) du cinéma«Rezension


Überwältigende Montage: Jean-Luc Godards gewaltiger Filmessay »Histoire(s) du cinéma« (Geschichte(n) des Kinos)

»Das ist systematische, gewollte Überforderung, dachte man als Besucher des Berliner Arsenals im Dezember 2005, als dort – nach der Erstpräsentation als Teil einer Installation auf der Documenta X in Kassel – zum ersten Mal Jean-Luc Godards ›Histoire(s) du cinéma‹ (Geschichte(n) des Kinos) in voller Länge aufgeführt wurden: acht Teile zu etwa je einer halben Stunde, 260 Minuten insgesamt, nur von einer kurzen Pause unterbrochen.

Godards gewaltiger Filmessay, dessen Idee er seit den siebziger Jahren verfolgt und an dessen Umsetzung er zwischen 1988 und 1998 gearbeitet hat, diese kritische, analytische Durchsicht der bewegten Bilder des 20. Jahrhunderts, nicht nur die der Fiktion, sondern aller Bilder, also auch der Dokumentaraufnahmen und Wochenschauen, diese überwältigende Montage aus Bild- und Tonüberblendungen, aus parallel gesprochener und geschriebener Sprache, war eine permanente Überforderung der geistigen Aufnahmekapazitäten. Nun aber liegt Godards Geschichte des Kinos, die nicht nur ›alle Geschichten erzählen‹ will, ›die es gegeben hat‹, sondern auch die, ›die es geben wird oder geben könnte‹, die also eine selbst die ›Märchen aus 1001 Nacht‹ weit übertreffende Geschichte aller Geschichten sein will, in einer deutschen Fassung vor, und zwar in dem Medium, für das sie zwar nicht eigentlich produziert wurde (dem Video), für das sie aber wie geschaffen scheint – der DVD.

Denn was das linear erzählende Kino nicht erlaubt, macht die DVD möglich: die sofortige oder spätere Wiederholung (ohne lästiges Spulen); das Überspringen oder das Immer-wieder- Sehen einer Sequenz; die Trennung der übereinandergelegten Elemente, indem man seine Aufmerksamkeit entweder auf Bild(er), Töne oder Schrift-im-Bild richtet und erst nach soundso vielen Wiederholungen in seiner Komplexität wiedererstehen lässt; das Ansteuern jedes Einzelmoments und das (vorrückende) Standbild, das eine Bild-für-Bild-Analyse ermöglicht. Sieht man die ›Histoire(s)‹ mit diesem, manipulierenden, Auge, schwindet keineswegs die Faszination, die sich bereits beim ersten Sehen, trotz der Überforderung, einstellte – sie gewinnen eher noch an zusätzlicher Leuchtkraft, da man Godard nun bei der Herstellung seiner Collage auf die Finger, ja, fast hat man den Eindruck, ins Gehirn schauen kann.

Godard, der immer als der schwierigste, da analytischste Regisseur der Nouvelle Vague galt, hat seine Beschäftigung mit dem Kino als Kritiker bei den 1951 von André Bazin begründeten ›Cahiers du cinéma‹ begonnen – da war er 22. Und das Kino hatte, wie er in den ›Histoire(s)‹ im Interview mit Serge Daney betont, nach fünfzig Jahren zwar bereits eine Geschichte, diese war aber noch so überschaubar, dass selbst ein blutjunger Cineast nahezu alle Filme kannte. Jetzt, zu Ende des Jahrhunderts, ist das anders, und so muss man Godards Kinogeschichte nicht nur als eine Klärung der Voraussetzungen, der Anfänge und Entwicklung, etwa vom Stumm- zum Tonfilm, vom europäischen zum Hollywood-Kino, verstehen, sondern auch als den Versuch, eine Ordnung in die durch einen Einzelnen kaum mehr zu bewältigende Vielfalt zu bringen.

Gerade hierin aber versagt Godard erstaunlicherweise. Wie die Musik, die Literatur- und die Bildzitate kommen auch die Filmausschnitte, die Regisseure und Schauspieler ausnahmslos aus dem europäischen und US-amerikanischen Feld. Nicht einmal Kurosawa und Teshigara, die vielleicht wichtigsten nichteuropäischen Filmemacher, die parallel zu den Nouvelle-Vague-Regisseuren drehten, werden erwähnt; geschweige denn Vertreter des afrikanischen oder lateinamerikanischen Kinos. Godards Blick ist ein durch und durch eurozentristischer: Er beginnt bei den Brüdern Lumière und feiert vor allem Lang, Dreyer, Chaplin, Eisenstein, den italienischen Nachkriegsfilm und natürlich Hitchcock, den Übervater der Nouvelle Vague (die auch nicht zu kurz kommt), ist aber blind gegenüber Tarkowski und Bergman, die in keinem einzigen Bild auftauchen (im Gegensatz zu, erstaunlicherweise, Fassbinder).

Diese auffällige Absenz der nichteuropäischen Filmkultur, die sich entfaltete, als Godard und seine Mitstreiter ihre Hauptfilme gedreht hatten, korrespondiert mit Godards These, die Zeit des Kinos sei vorbei, es sei vom Fernsehen abgelöst worden – worin sich zeigt, dass diese Geschichte, wie jede Geschichte, eine höchst subjektive, von einem ganz bestimmten Stand- und Zeitpunkt aus erzählte ist – und dass Godard, böse formuliert, die Herrschaft über die Geschichte(n), nicht mehr mit dem Kino selbst, sondern nur noch mit dem Erzählen seiner histoire erringen kann. In dem Versuch, ›diese Zeit (Geschichte des Kinos) zu Gehör zu bringen und somit in der Zukunft auftauchen zu lassen‹ – erweist er sich als Historiker und das heißt immer auch Kanoniker und Deuter.

Auf diese Dialektik, so viel Gerechtigkeit werde ihm zuteil, weist Godard aber selbst in einer Wortspielerei hin, indem er aus den ›Histoire(s)‹, einen Teil, nämlich das ›toi‹ in einer brechtisch anmutenden Geste herauslöst – mit der er betont, dass es sich bei seiner Montage um eine personale Geschichte, die sich an einen personalen (gemeinten) Zuschauer wendet, handelt. Damit es bei der einen, Godards Sicht nicht bleibt, ist es also an der Zeit, dass ein/e Jüngere/r, ein/e Nichteuropäer/in sich an eine Fortsetzung, eine Umschreibung und -deutung der ›Histoire(s) du cinéma‹ macht. An eine? An viele!«


Jean-Luc Godard: »Histoire(s) du cinéma«. Booklet mit einem Essay von Klaus Theweleit, 36 Seiten. Filmedition Suhrkamp, 2 DVDs, 262 min., 29,90 Euro


kultiversum, 15. Januar 2010

 

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