7. Januar

07.01.2024

7. JanuarBuchbesprechung

Endlich ein eigener Raum
Mit ihrem ersten Roman befreite sich die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Jetzt erscheint er auch auf Deutsch


Fast fünfzig Jahre nachdem Annie Ernaux’ erster Roman »Les armoires vides« bei Gallimard in Paris erschien, gibt es »Die leeren Schränke« jetzt endlich auch auf Deutsch, in der Übersetzung von Sonja Finck, die zur kongenialen deutschen Stimme Ernaux’ geworden ist (Suhrkamp, 218 Seiten, 23 Euro). Wer die späteren Bücher Ernaux’ gelesen hat, die distanziert-sachlichen, soziologisch-sezierenden »Die Jahre« (»Les Années«) von 2008 oder die einfühlsamen, souverän mit den ambivalenten Empfindungen gegenüber Vater und Mutter umgehenden Porträts »Der Platz« (»La Place«, 1983) und »Eine Frau« (»Une Femme«, 1987), wird über den im Romandebüt angeschlagenen Ton staunen. Eine wütende, mit Schimpfworten und Kraftausdrücken um sich werfende junge Frau ergreift hier als Ich-Erzählerin das Wort, rebelliert sowohl gegen ihre prekäre Herkunft als auch das ihr auferlegte Schicksal als Frau. Denn die Denise Lesur genannte Studentin ist schwanger, wurde vom Vater des Kindes sofort nach Bekanntgabe der Neuigkeit sitzengelassen, und sieht nun alles, was sie bis zu diesem Tag erreicht hat, ihren mühsam erkämpften sozialen Aufstieg bedroht.

Um ihre Zukunft zu retten, ist sie das Risiko eines illegalen Schwangerschaftsabbruchs eingegangen. Während sie auf die Ablösung des Fötus in ihrer Gebärmutter wartet, rechnet sie mit Kindheit und Jugend, Elternhaus und Schule ab: Sie erzählt vom Verlust der häuslich-kindlichen Geborgenheit und den Demütigungen durch Mitschülerinnen wie Lehrerinnen und fremde Mütter. Erzählt vom wachsenden Hass auf die eigenen Eltern, ihrem Ekel, ihrer Scham. Ernaux hat das Buch als Anfang-Dreißigjährige geschrieben, also mit mehr als zehn Jahren Abstand zu dem die Abrechnung auslösenden Tag (der natürlich eine raffinierte literarische Fiktion, Finte ist: eine ganze Kindheit, Jugend erzählt an einem Tag, der nicht nur über Leben und Tod, sondern auch über Aufstieg oder Fall und ewige Verdammnis entscheidet – denn würde diese autobiographisch grundierte Denise Lesur an dem illegalen Abbruch sterben, käme heraus, dass er nötig war, wäre der Aufstiegswille der Mutter, den diese durch die Tochter erfüllt sehen will, zerstört, alle gebrachten Opfer nicht nur umsonst, sondern in Schmach und Schande verkehrt.

Ernaux war, als sie das Buch schrieb, bereits sieben, acht Jahre verheiratet, hatte zwei Söhne, einen akademischen Abschluss, einen Beruf, eine Anstellung, ein bürgerliches Leben. Aber in ihr tobte es. Nicht nur die Wut darauf, welchen Preis sie hatte zahlen müssen, um all das zu erreichen, um die niedere Herkunft auszuwetzen und endlich dazuzugehören und geachtet zu sein, loderte in ihr, sondern auch der brennende Wunsch, aus dem mit Ehemann und zwei kleinen Kindern gut eingerichteten bürgerlichen Gefängnis auszubrechen. Sich selbst zu gebären, sich frei und ohne jede Rücksicht auf andere auszudrücken in einer von ihr selbst erschaffenen Sprache, einen eigenen Raum zu haben, zu schreiben. Ernaux räumt auf, leert die Schränke, zerstört in ihrem ersten Roman Lügen und Selbstlügen, die Maskerade des braven, fleißigen, unschuldigen, sittsamen Mädchens. Eine Befreiung im Schreiben, durch das Schreiben, scharf wie eine Ohrfeige und ohne Rücksicht auf sich selbst, der ein paar Jahre später die Befreiung von den bürgerlichen Konventionen folgte: 1981, nach der Scheidung von ihrem Ehemann Philippe Ernaux, begann das eigentliche Leben, ihr Leben als Schriftstellerin.

Ernaux’ Stoff ist in all ihren Büchern derselbe: die Erfahrungen eines Mädchens, einer Heranwachsenden, einer jungen Frau der französischen Unterschicht, geboren 1940, das sich mittels Bildung, Ehrgeiz, Disziplin, Mimikry von ihrer Herkunft emanzipiert, eigene Ansichten, Einsichten gewinnt und formuliert, innere wie äußere Unabhängigkeit zu ihrem Lebensprojekt macht und dabei immer auch im Blick behält, was dieser Weg in die wachsende Autonomie, auch in die bildungsbürgerliche Asozialität, sie kostet, was sie dabei verliert. Ihre verschiedenen Roman nehmen zu diesem Stoff, dieser Soziologie im Feld der Literatur mal größere, mal geringere Entfernung ein, zoomen heran, oder betrachten das Umfeld von Politik, Mode, Sprech- und Denkweisen mit und betten das individuelle Erleben in die allgemeine Erfahrung und die sie bestimmenden Parameter der ersten französischen Nachkriegsjahrzehnte ein. Dabei gilt Ernaux’ Hauptinteresse der Verwandlung von Erfahrung in Sprache, oder eigentlich: in Sprachen, denn in jedem ihrer Bücher ist diese Erfahrung sprachlich anders destilliert. Ernaux zu lesen bedeutet daher vor allem auch, der Entwicklung ihrer sprachlichen Elixiere zu folgen. Das ihres Debüts »Die leeren Schränke« ist wild, heiß und von stark berauschender Wirkung.


Annie Ernaux: »Die leeren Schränke«. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, 218 Seiten, 23 Euro

FAS Nr. 1, 7. Januar 2024, Feuilleton Seite 37

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