Lektüre

04.07.2024

Lektüre4. Juli

Die Aktualität kann sich allein als Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit konstituieren. Mit dieser unmittelbaren Berührung von Aktualität und Ewigkeit entreißt sich die Moderne zwar nicht ihrer Hinfälligkeit, aber der Trivialität: in Baudelaires Verständnis ist sie darauf angelegt, daß der transitorische Augenblick als die authentische Vergangenheit einer künftigen Gegenwart Bestätigung finden wird. Sie bewährt sich als das, was einmal klassisch sein wird; »klassisch« ist nunmehr der »Blitz« des Aufgangs einer neuen Welt, die freilich keinen Bestand haben wird, sondern mit ihrem ersten Auftritt auch schon ihren Zerfall besiegelt.

»Meine These lautet, daß sich in der Neuzeit die Differenz zwischen Erfahrung und Erwartung zunehmend vergrößert, genauer, daß sich die Neuzeit erst als eine neue Zeit begreifen läßt, seitdem sich die Erwartungen immer mehr von allen bis dahin gemachten Erfahrungen entfernt haben.« (R. Koselleck, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont)

Die Beunruhigung darüber, daß sich eine vorbildlose Moderne aus den von ihr selbst hervorgebrachten Entzweiungen heraus stabilisieren muß, begreift Hegel als den »Quell des Bedürfnisses der Philosophie«. [...] Er sieht die Philosophie vor die Aufgabe gestellt, ihre Zeit, und das ist für ihn die moderne Zeit, in Gedanken zu erfassen. [...]
Zunächst entdeckt Hegel als das Prinzip der neuen Zeit – die Subjektivität. [Subjektivität: Struktur der Selbstbeziehung. Hegel: »Das Prinzip der neueren Welt überhaupt ist Freiheit der Subjektivität, daß alle wesentlichen Seiten, die in der geistigen Totalität vorhanden sind, zu ihrem Recht kommend, sich entwickeln.«] Aus diesem Prinzip erklärt er gleichzeitig die Überlegenheit der modernen Welt und deren Krisenhaftigkeit; diese erfährt sich als die Welt des Fortschritts und des entfremdeten Geistes in einem. [...] der Ausdruck Subjektivität [führt] vor allem vier Konnotationen mit sich: a) Individualismus: in der modernen Welt kann die unendlich besondere Eigentümlichkeit ihre Prätentionen geltend machen; b) Recht der Kritik: das Prinzip der modernen Welt fordert, daß, was jeder anerkennen soll, sich ihm als ein Berechtigtes zeige; c) Autonomie des Handelns: es gehört der modernen Zeit an, daß wir dafür stehen wollen, was wir tun; d) schließlich die idealistische Philosophie selbst: Hegel betrachtet es als das Werk der modernen Zeit, daß die Philosophie die sich wissende Idee erfaßt.

[Der] repressive Charakter der Vernunft ist allgemein in der Struktur der Selbstbeziehung, d.h. der Beziehung eines sich zum Objekt machenden Subjekts begründet.

Dann muß aber die Gegenwartskunst als eine Stufe interpretiert werden, auf der sich mit der romantischen Kunstform die Kunst als solche auflöst. 

Nach dem gleichen Modell verabschiedet Hegel auch die christliche Religion. [...] Die Reflexion ist, wie in die Kunst, so auch in die Religion eingebrochen; der substantielle Glauben ist entweder der Gleichgültigkeit oder der frömmelnden Empfindsamkeit gewichen. Aus diesem Atheismus rettet die Philosophie den Inhalt des Glaubens, indem sie die religiöse Form zerstört. Die Philosophie hat zwar keinen anderen Inhalt als die Religion, aber indem sie diesen in begriffliches Wissen transformiert, »ist im Glauben nichts (mehr) gerechtfertigt«.

Wir haben gesehen, wie Hegel mit seinem emphatischen Begriff der Wirklichkeit als der Einheit von Wesen und Existenz gerade das beiseitegeschoben hatte, woran der Moderne doch alles gelegen sein mußte – das Transitorische des bedeutungsschweren Augenblicks, in dem sich die Probleme der jeweils andrängenden Zukunft zum Knoten verschlingen. [...] Kierkegaard beharrt auf der geschichtlichen Existenz des Einzelnen: die Authentizität seines Daseins bewährt sich in der Konkretion und Unvertretbarkeit einer absolut innerlichen, unwiderruflichen Entscheidung von unendlichem Interesse. 

Übereinstimmung besteht auch darüber, daß die autoritären Züge einer bornierten Aufklärung im Prinzip des Selbstbewußtseins oder der Subjektivität angelegt sind. Das sich auf sich beziehende Subjekt erkauft nämlich Selbstbewußtsein nur um den Preis der Objektivierung der äußeren wie der eigenen inneren Natur. Weil sich das Subjekt im Erkennen und Handeln, nach außen wie nach innen, stets auf Objekte beziehen muß, macht es sich noch in den Akten, die Selbsterkenntnis und Autonomie sichern sollen, zugleich undurchsichtig und abhängig. Diese in die Struktur der Selbstbeziehung eingebaute Schranke bleibt im Prozeß der Bewußtwerdung unbewußt. Daraus entspringt die Tendenz zur Selbstverherrlichung und zur Illusionierung, d.h. zur Verabsolutierung der jeweiligen Stufe der Reflexion und der Emanzipation.
Im Diskurs der Moderne erheben die Ankläger einen Vorwurf, der sich in der Substanz von Hegel und Marx bis Nietzsche und Heidegger, von Bataille und Lacan bis Foucault und Derrida nicht verändert hat. Die Anklage ist gegen eine im Prinzip der Subjektivität gründende Vernunft gerichtet; und sie lautet dahin, daß diese Vernunft alle unkaschierten Formen der Unterdrückung und Ausbeutung, der Entwürdigung und Entfremdung nur denunziert und unterminiert, um an deren Stelle die unangreifbarere Herrschaft der Rationalität selber einzusetzen. Weil dieses Regime einer zum falschen Absoluten aufgespreizten Subjektivität die Mittel der Bewußtmachung und Emanzipation in ebensoviele Instrumente der Vergegenständlichung und Kontrolle verwandelt, verschafft es sich in den Formen gut kaschierter Herrschaft eine unheimliche Immunität. 


Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne

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