Lektüre

30.10.2025

Lektüre30. Oktober


Der indische Schriftsteller Amit Chaudhuri nimmt das Erscheinen von Jon Fosses jüngstem Roman »Vaim«, dem ersten, den er seit Verleihung des Literaturnobelpreises 2023 geschrieben hat, zum Anlass, über das Genre der »Autofiktion« nachzudenken, die vor allem im Verlag Fitzcarraldo ihre Heimat gefunden hat. Chaudhuri verortet Autofiktion als jüngsten Ausfluss einer Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht und eine Gegenströmung zur Aufklärung bildet: Die Autofiktion interessiert sich nicht für moralische Haltung, Genre, das Thematische, Repräsentative oder Relevante. Aber sie ist auch nicht einfach Bekenntnisliteratur, so Chaudhuri, sondern im Gegenteil »eine späte Rückkehr zur Praxis der Unpersönlichkeit«, und die hat eine noch ältere Tradition im außereuropäischen Raum. T. S. Eliot habe seine Leser ermahnt: »›Poesie ist kein Freisetzen von Emotionen, sondern eine Flucht vor Emotionen; sie ist nicht der Ausdruck von Persönlichkeit, sondern eine Flucht vor Persönlichkeit.‹ In diese Genealogie sollten die Autofiktion, der persönliche Essay und das unkonventionelle Schreiben der letzten zwei Jahrzehnte eingeordnet werden. Die Praxis der Unpersönlichkeit, die Eliot 1919 theoretisierte, hing möglicherweise mit der Begegnung Europas mit nichtgegenständlichen Traditionen aus Asien und Afrika seit dem 18. Jahrhundert zusammen: Von hier stammt zu einem großen Teil das Fremde und Faszinierende des Modernismus. Eliots Verständnis des Selbst wurde stark durch seine Lektüre buddhistischer und upanishadischer Texte geprägt. Fosse erwähnt Beckett, Kafka, Woolf und die Bibel unter den Werken und Autoren, die ihn geprägt haben. Aber die von ihm zitierten Schriftsteller traten alle im Zuge dieser nichtrepräsentativen Wende in Erscheinung und waren deren Nachkommen. Die Bibel allein hätte diese Wende niemals bewirken können. Das ›Unaussprechliche‹ in Fosses Werk, die Abkehr seiner Romane von der ›Botschaft‹ (sein Wort), ist Teil einer längeren unterirdischen interkulturellen Reise, als es jede Vorstellung von ›Europa‹ fassen kann.« ( zit. n. Perlentaucher vom 28.10.2025)

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