Lektüre

30.12.2025

Lektüre30. Dezember

Materialismus und Atheismus sind in Simone Weils Augen Mittel einer Art Askese, welche die menschliche Vernunft von Illusionen und Verschwommenheiten reinigen sollte, Mittel, von denen sie viel hält, da sie ihrer Vorstellung von intellektueller Redlichkeit entsprechen. Darum liegt für sie das große Verdienst von Marx nicht in der Weltanschauung, sondern in der Methode des Materialismus. Aber die materialistische Methode, dies Instrument, das Marx uns hinterlassen hat, ist ein immer noch jungfräuliches; kein Marxist hat sich seiner bisher wirklich bedient, angefangen bei Marx selber. [...] auch Marx ist Erbe von Traditionen, was ihn, wo nicht entschuldigt, doch erklärt. Der Aufschwung der Großindustrie hat die Mächte der Produktion zur Gottheit einer Quasi-Religion gemacht, deren Einfluß Marx gegen seinen Willen unterworfen war, als er seine Konzeption der Geschichte ausarbeitete. Der Ausdruck Religion mag überraschen, wenn es sich dabei um Marx handelt, aber Simone Weil weist hier wie an anderen Stellen nach, daß der von Darwin herkommende Fortschrittsglaube bei Marx und im ganzen 19. Jahrhundert kein Ergebnis exakten Denkens, sondern eben der Bodensatz des Glaubens ist. Übrigens bezeugt das sogar das Vokabular von Marx, da es quasi-mystische Ausdrücke enthält wie »die geschichtliche Mission des Proletariats«. Diese Religion der Produktionskräfte, in deren Namen Generationen von Unternehmern die arbeitenden Massen ohne die geringsten Gewissensbisse ausgesogen haben, begründet gleichermaßen einen Faktor der Unterdrückung innerhalb der sozialistischen Bewegung; alle Religionen machen aus dem Menschen ein bloßes Werkzeug der Vorsehung, und auch der Sozialismus unterstellt den Menschen dem Dienst am historischen Fortschritt, das heißt, am Fortschritt der Produktion. Deshalb – wie sehr auch das Andenken Marx’ durch den Kult beleidigt wird, den die Unterdrücker im heutigen Rußland ihm widmen, so ist doch diese Schmach nicht gänzlich unverdient.

[...] Aus der genauen Kenntnis der condition ouvrière kann [Weil] nun das Unheil benennen, das der Marxismus gerade für die Arbeiter mit sich bringen muß. Die revolutionären Gefühle entspringen in der Mehrzahl der Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit, und als Aufstand gegen die soziale Ungerechtigkeit ist auch die Idee der Revolution gut und gesund. Als Auflehnung gegen das Unglück, welches gerade den Lebensbedingungen der Arbeiter eigentümlich ist, ist sie, die Revolution, ein Betrug. Denn keine Revolution wird dieses Unglück abschaffen. Aber dieser Betrug hat die nachhaltigste Wirkung, denn dies wesensbedingte Unglück wird lebhafter, tiefer, schmerzlicher empfunden als die Ungerechtigkeit selbst. Für gewöhnlich wird übrigens beides vermengt. Der Name Opium des Volkes, den Marx der Religion anhängte, konnte auf diese passen in einer Zeit, als sie sich selbst verleugnete, aber dem Wesen nach paßt er auf die Revolution. Die Hoffnung auf die Revolution ist immer ein Rauschmittel. Denn die Revolution befriedigt zugleich das Bedürfnis nach Abenteuer als demjenigen, was der Notwendigkeit – dem Gesetz der Arbeit – am meisten entgegengesetzt und eben auch nur eine Reaktion auf dasselbe Unglück ist.

[...] In der schon erwähnten Schrift Y a-t-il une doctrine marxiste?, die 1943 bei ihrem Tode unvollendet liegenblieb, tut [Weil] noch einen Schritt weiter. Viele Leute erklären sich entweder als Gegner oder als Verfechter oder als gemäßigte Anhänger der marxistischen Lehre. Man denkt überhaupt nicht daran, sich zu fragen: hatte Marx denn eine Lehre? Man ist außerstande, sich vorzustellen, eine Sache, die so viel Widerspruch erregt hat, könne gar nicht existieren. Dennoch ist das häufig der Fall. Die Frage ist der Mühe wert, gestellt und untersucht zu werden. Nach aufmerksamer Prüfung wird vielleicht Anlaß sein, sie negativ zu beantworten. Und kein Zweifel, daß dies Simone Weils Absicht war. Marx werde fälschlich für einen Materialisten gehalten, sagt sie; er sei es jedenfalls nicht immer gewesen. Anfangs sei es ihm, in Geistesverwandtschaft zu Proudhon, um eine Philosophie der Arbeit gegangen, und eine Philosophie der Arbeit ist nicht materialistisch. Aber der junge Marx habe nicht einmal den Entwurf eines Entwurfs begonnen, und also bleibe eine solche Philosophie erst noch zu schaffen. Vielleicht ist sie unentbehrlich. Sie ist vielleicht ganz besonders eine Aufgabe dieser Epoche jetzt. Verschiedene Zeichen weisen darauf hin, daß sich im vergangenen Jahrhundert ein Embryo dazu vorbereitete. Aber aus ihm ist nichts geworden. Vielleicht blieb diese Schöpfung unserem Jahrhundert vorbehalten.

Marx wurde bereits in seiner Jugend durch einen Zwischenfall aufgehalten, der im 19. Jahrhundert sehr häufig war; er hat sich selbst ernst genommen. Er wurde von einer Art messianischer Wunschvorstellung ergriffen, die ihn glauben machte, ihm sei eine entscheidende Rolle für das Heil der menschlichen Gattung zugeteilt. Von da an konnte er seine Denkfähigkeit im vollen Umfange nicht mehr aufrechterhalten. So kommt sie dazu, Marx allen Ernstes der Götzendienerei zu beschuldigen. Sein Götzendienst hatte die Gesellschaft der Zukunft zum Gegenstand; aber wie jeder Götzendiener ein gegenwärtiges Objekt braucht, so übertrug er seine Verehrung auf die Gruppe der Gesellschaft, von der er glaubte, sie sei im Begriff, die erwartete Umwandlung herbeizuführen, nämlich auf das Proletariat. Mag die Sainte Simone der Fabrikhöfe diesen Glauben auch zeitweise geteilt haben – in London, als sie dies schrieb, tat sie es offenbar nicht mehr. So scharfsinnig sie aber auch auseinandernahm, was allgemein als marxistische Lehre galt, ließ sie doch stets erkennen, daß Marx selbst da, wo der Respekt endete, immer noch ihre Sympathie besaß. Wohlverstanden, es ist nicht so, daß Marx je die Absicht gehabt hätte, das Publikum zu betrügen. Das Publikum, das betrogen zu werden verlangte, damit es leben konnte, war er selbst. Unter der Hand zerpflückte Aschenputtel den »utopischen Sozialismus«, den marxistischen Wissenschaftsbegriff und die Zwangsvorstellung des Fortschritts. Dieser atheistische Gedanke par excellence erregte ernstlich ihren Zorn, da er voraussetzte, das Mittelmäßige könne aus sich selbst das Vortreffliche erzeugen. Dennoch, sagt sie, war Marx genialer Ideen fähig. In seinem Werk gibt es haltbare, unabänderliche Buchstücke von Wahrheit, und diese sind nicht allein vereinbar mit dem Christentum, sondern ihm unendlich kostbar. Sie müssen Marx angerechnet werden. Das ist um so leichter, weil das, was heute Marxismus genannt wird, das heißt das geläufige Denken, das sich auf Marx beruft, nicht den mindesten gebrauch davon macht. Die Wahrheit anzurühren, ist zu gefährlich. Sie ist ein Sprengstoff.

Marx habe als erster und wahrscheinlich einziger – denn man hat seine Untersuchungen nicht fortgesetzt – den zwiefachen Gedanken gehabt, die Gesellschaft als einen fundamentalen menschlichen Tatbestand anzunehmen und in ihr – wie der Physiker in der Materie – die Kräfteverhältnisse zu studieren. Hier haben wir die Idee eines Genies … Es ist keine Doktrin. Es ist ein Instrument des Studiums, der Untersuchung, der Erforschung und vielleicht des Aufbaus für jede Doktrin, die nicht riskieren will, bei der Berührung mit der Wahrheit in Staub zu zerfallen.
 

Angelica Krogmann: Simone Weil in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt 1970 

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