In Smeerenburg, einer verlassenen Walfänger-Siedlung des 17. Jahrhunderts auf der Insel Amsterdamøya in der Nordwestecke von Spitzbergen, der größten Insel im Svalbard-Archipel, liegen über den Strand verstreut dunkle Klumpen einer ungewöhnlichen Substanz: Walspeckstein, verhärteter Walspeck, ein Erzeugnis menschlicher Geologie, der Abfall von Tausenden Walen, eingekocht in drei Meter breiten Kupferkesseln, das übergelaufene Öl verbacken mit Sand, Kies und Kohle zu einer felsigen Masse, die Kohle heizte die Tranöfen, in denen die Wale verkocht wurden, der Fels verzeichnet immer noch die Umrisse der Kessel, ein gepanzertes Amalgam aus Fett, Brennstoff und Geld, geschmiedet vom Einbruch des Walfangs in die frühmoderne Weltökonomie und die Verdichtung einer – animalischen, vegetabilen, mineralischen – Energie, einem Ort entzogen, der zugleich geografisch am Rand und geopolitisch fast im Zentrum der Welt lag.
Hugh Raffles: Das Buch der Unverfügbarkeiten. Gedanken über verlorene Zeit
