SCHLEMIHL

Illustration: George Cruikshank

 

SCHLEMIHL

Über mehrere Jahre begleitete mich »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« von Chamisso. An ihr faszinierten mich vor allem zwei Aspekte: Zum einen das Schuldigwerden eines Unschuldig-Naiven, das mit einer Steigerung seines Bewusstseins und einem Erkenntnisgewinn verknüpft ist; zum anderen das Bild vom verkauften Schatten. Und so entstand der Wunsch, mit dem Stoff weiterzuarbeiten und ihn in eine der heutigen Zeit adäquate (sprachliche) Form zu bringen.

Die Geschichte vom Teufelspakt kennt viele Ausprägungen. Am Chamissoschen Schlemihl reizte mich immer das Zweistufenmodell: Zunächst geht dem Schlemihl – um finanziellen Vorteils willen – nur der Schatten verloren; dieser dient dann, da sein Verlust schmerzlich verspürt wird, dem Teufel als Erpressungsmittel, um an die begehrte Seele zu kommen. Bei Chamisso verweigert sich Schlemihl dieser Konsequenz (er ist wissentlich zum Bösen unfähig), seine Seele bleibt ihm erhalten, allerdings um den Preis des Ausschlusses aus der Gesellschaft.

In meinem Text greife ich nun Elemente dieser Erzählung auf (dies geht bis hin zum wörtlichen Zitat in der Rede des Grauen, der – als Teufel – auch in seiner Sprache bei der guten alten Tradition bleibt), formuliere sie jedoch sowohl formal als auch inhaltlich neu. Dabei ist mein Ausgangspunkt der gleiche: Schlemihl wird vom scheinbar leicht zu erlangenden Reichtum verführt, agiert in Wirtschaft und Politik, versucht zu entfliehen, seinen Schatten zurückzuerobern, was misslingt. Bleibt der Rückzug ins Private, der zunächst zu glücken scheint: Er findet seine große Liebe. Doch genügt sie nicht, um seine Schattenlosigkeit vergessen zu machen. Der Zustand der Unschuld ist nicht rückholbar. Als er dies begreift, schreckt er nicht vor Mord zurück: an dem, der sein guter Engel genannt werden kann – und verliert seine Seele.

Erzählt wird diese Reise durch die große und kleine Welt aus der Perspektive der unendlichen Vergegenwärtigung des Geschehenen, Schlemihls Hölle. In einer Sprache der Assoziationen und Sprünge und getragen von einer Metaphorik der Farben, des Lichts, der Geräusche und Orte. Aus diesen webt sich ein Text – obgleich an vielen Stellen bis zur Unkenntlichkeit zerfranst, löchrig, dreckig und verblasst –, aus dem die Geschichte eines Schuldig-Gewordenen erzählt wird, eines Menschen, der dieser Schuld nicht mehr zu entkommen vermag.
 

 

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