Cécile Wajsbrot »Für die Literatur«

31.03.2015 Sprache/Meta

Cécile Wajsbrot »Für die Literatur«Rezension

Form und Inhalt
Cécile Wajsbrot kämpft für den Roman


Der Essay »Für die Literatur« von Cécile Wajsbrot, ist, das verrät bereits der Titel, eine Polemik, ein Bekenntnis und eine Verteidigung. Eine Polemik gegen die »Ecriture«, die, so Wajsbrot, mit der Postmoderne aufgekommen sei und die Einzigartigkeit der Literatur, ihr Wesen zum Verschwinden gebracht habe. »Ecriture« bezeichnet ihrer Auffassung nach eine narzisstische Art des Schreibens, die sich in ihrem Tun selbst beobachtet und reflektiert und ihre Ohnmacht beklagt, sie andererseits jedoch auch zu ihrem Triumph macht. Denn sie will gar nichts mehr außer glänzen und erfolgreich sein. Und erfolgreich ist man, indem man keinerlei Unterscheidung trifft, alle Werte und Ansprüche aufgibt, außer dem der Bekömmlichkeit. Die ebnet den Weg zum Erfolg.

1. WAS? Der Begriff »Ecriture« lässt sich nicht ins Deutsche übersetzen. Das hässliche Wort »Schreibe« bezeichnet eher den Stil als die Gesamtheit des Geschriebenen; gemeint aber ist eine bestimmte Art von Literatur, eine, die ironische Distanz zu sich selbst einnimmt, die etwas tut, obwohl sie an das, was sie tut, nicht glaubt, denn dieses Tun ist ihr nur Mittel zum Zweck. Es geht nicht darum, die Grenzen des Schreibens, formale Möglichkeiten zu erkunden, neu zu entdecken, es geht darum, Altbekanntes geschickt anzuwenden, zu adaptieren, um Erfolg zu haben. Es ist die Attitüde des Schreibens, die gefällt oder als am wenigstens anstrengend erscheint, deshalb hat man sich dafür entschieden. Weder hat man etwas zu sagen, noch glaubt man an die Notwendigkeit dessen, was man tut, und schon gar nicht liebt man das Schreiben. Man liebt nur sich selbst und bewundert sich in der eingenommen Haltung. Widerständen weicht man aus.

2. WOHER? 1924 griff André Breton im »Ersten Manifest des Surrealismus« den realistischen Roman an, insbesondere die durch ihn gepflegte Kunst der Beschreibung. Beschreibungen langweilten ihn, er überblätterte sie. Was ihn daran störte, waren vor allem Langatmigkeit und die Behauptung einer linearen Logik, das gewissermaßen mechanische Denken, das ihnen zugrunde lag. Ihn interessierten Sprunghaftigkeit und Assoziativität des Traums, nicht die Abschilderung einer verallgemeinerbaren Außen-, sondern die Annäherung an eine nebulöse, zerfransende, höchstens halbewusste Innenwelt. Die Unerzählbarkeit einer außersubjektiven Wirklichkeit wurde dann nach dem Zweiten Weltkrieg für die Strömung des Nouveau Roman programmatisch. Aus dem Erzählen wurde ein Auflisten, Sprechen, Theoretisieren, Reflektieren, ohne auktoriale Ordnung, Erklärungen und Psychologie.

3. WARUM? Die Erfahrungen von Krieg, Kollaboration, Holocaust griffen die Fundamente des Erzählens an: Sinn, Bedeutung, Wahrheit. Der Nouveau Roman entzog ihnen die Berechtigung, für das Schreiben, die Kunst Relevanz zu haben, und vollbrachte damit dieselbe Verdrängungsleistung wie die französische Gesellschaft: die Tabus umkreisen; die Dinge beschwören statt von den (abwesenden=vertriebenen, toten) Menschen erzählen; objektivieren; fragmentieren.

4. WOZU? Die Abkehr von der Vergangenheit, die Leugnung der Tradition, der Wunsch nach einer Stunde null der Literatur, einer tabula rasa der Sprache, ausgelöst durch die Ereignisse des Krieges und der Deportationen, waren verständlich, aber auch Zeichen desselben Wunschdenkens, dem die Gesellschaft als Ganze anhing. Man gaukelte sich vor, man könne neu anfangen, die Vergangenheit vergessen und sie, literarisch, historisch, unerzählt lassen. Mit einer neuen Sprache, neuen Wörtern. Was vor allem bedeutete, bestimmte Wörter und Wendungen beiseite zu lassen, aus der gesprochenen, geschriebenen Sprache zu verbannen, einen neuen Stil zu entwickeln, der so tat, als hätte die Sprache keine Vergangenheit, als wären die Wörter nie in anderen Kontexten aufgetaucht, als wäre die Sprache der Literatur eine andere als die des Krieges, der Kollaboration. Die Sprache, die literarische ebenso wie die nicht literarische, wurde gereinigt und mit neuen, unverbrauchten, noch nicht kontaminierten Fremdwörtern angereichert; in der Literatur wurde sie reduziert auf ihre Struktur, ihr immer auch Bedeutung tragender Charakter zu einer Sprachsprache, die nur noch sich selbst erzählt, allen anderen Inhalts entleert.

5. WIE WEITER? Dieser Weg war notwendig. Aber jetzt, so Wajsbrot, geht es darum, der Literatur, dem Roman, wieder äußere Inhalte zurückzugeben. Mit einer Erweiterung. Nicht die erzählerische Naivität des 16. bis 19. Jahrhunderts, das Fabulieren, zurückgewinnen, sondern der Literatur eine neue inhaltliche Dimension zu schenken, nämlich die, Ereignisse zu erzählen, die tatsächlich stattgefunden und uns alle, ob es uns nun bewusst ist oder nicht, geprägt haben, und die Unmöglichkeit, sie zu erzählen, dazu. Und so der Gattung des Romans nicht nur, wie es die Literatur der vorausgegangenen Jahrhundertwende zwischen Belle Epoque und Moderne versucht hat, neue Möglichkeitsräume des Erzählens zu erschließen, sondern auch Unmöglichkeitsräume.

Cécile Wajsbrot plädiert für ein neues Erzählen und die Wiederbelebung des Romans aus dem Nicht-Gesagten, Verschwiegenen heraus, aus der Verdrängung. Ihr Essay ist eine Streitschrift, manchmal mehr von Wunschdenken, Idiosynkrasien getrieben als von Stringenz oder assoziativ überzeugender Argumentation. Man spürt eine große Wunde, die aus der Erfahrung, das eigene Schicksal, die Erfahrungen des Ausgeschlossenseins über Jahrzehnte hinweg beschweigen zu müssen, herrührt; sie ist tief verletzt worden, und diese Verletzung will sie erzählen. Das schließt das Erzählen über eine Vergangenheit ein, die erst verdrängt wurde und von der jetzt behauptet wird, sie sei abgeschlossen. Das schließt das Erzählen über die Gegenwart ein, die, woher sie kommt, wohin sie geht, nicht interessiert, zunehmend ignoriert. Der Roman ist die Gattung des Imperfekts, das heißt der unabgeschlossenen Vergangenheit – diese seine Qualität zurückzugewinnen, neu zu beleben durch ein mehrstufiges, vielperspektivisches historisches, analytisches, therapeutisches, nach Wahrheit suchendes Erzählen ist das Anliegen von Wajsbrots »Für die Literatur«.


Cécile Wajsbrot: »Für die Literatur. Verteidigung des Romans«. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer. Matthes & Seitz, 74 Seiten, 12,80 Euro

fixpoetry, 31. März 2015

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