Attila Bartis »Das Ende«

14.01.2018

Attila Bartis »Das Ende«Kurz-Rezension

Ungarn Schon Attila Bartis’ vor zwölf Jahren auf Deutsch erschienener zweiter Roman »Die Ruhe« ließ einen nicht aus seinen Fängen, bevor man nicht bis zur letzten Seite gekommen war. Jetzt ist sein dritter Roman auf Deutsch erschienen, »Das Ende« (in präziser, herber Übersetzung von Terézia Mora ...), und wieder waren es zwei lange, bis drei Uhr morgens durchgelesene Nächte, die der Roman, an dem Bartis fünfzehn Jahre gearbeitet hat, forderte. Es gibt Bücher, bei denen man weiß, dass sie für einen gemacht sind, weil sie in einem genau den Punkt treffen, der schmerzt, ihre Widerhaken dort einbohren und einen mit sich in die Tiefe ziehen. Bei Bartis ist diese Tiefe rotglühend, dann auf einen Schlag grellgelb und dann wieder, über lange Passagen, graublau, wie eine Morgendämmerung im November, meistens aber ist sie schwarz, schwarz wie die Nacht in einer Stadt, in der Strom gespart werden muss, hier und da erleuchtete Fenster, eine Straßenlaterne, eine Lampe unter einem Torbogen, die Scheinwerfer eines Autos, aber dazwischen schwärzeste Schwärze. Dieses Schwarz aber ist nicht kalt und leer, sondern angefüllt mit Stimmen, Geräuschen, Gelächter, Schreien. Mit Gesprächen: über Kunst und Gott und die Liebe, natürlich die Liebe, ohne die alles auseinanderfiele. András Szabad, ein mit 52 Jahren zu höchstem Ansehen gelangter Fotograf, schreibt auf Anraten seines besten Freundes Kornél sein Leben auf. Als Kind hat er noch die letzten Jahre des Stalinismus erlebt; seine Jugend und dann die vielen Jahre als junger Mann aber fielen in den endlosen, bedrückenden, jede Ambition lähmenden Stillstand der Kádár-Zeit, die dreißig Jahre vom Ungarn-Aufstand 1956 bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. András arbeitet in einem Fotolabor, das ihm Brot gibt, eine Tagesstruktur und Schutz vor dem Angriff des Staates; eigentlich aber ist er Fotograf, der unbeobachtet und unbeeinflusst von allem Weltgeschehen den Versuch unternimmt, das Leben, sein Leben, festzuhalten – nicht in Aufnahmen von Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Ferienaufenthalten, sondern in seiner Essenz. Seine Fotografien sollen ein Bollwerk sein gegen die Vergänglichkeit. Dass der Fotograf, als er vom Tod seiner Geliebten erfährt, das Fotografieren aufgibt und zum Erzähler wird, zeigt, dass er damit scheitert: Ohne Sprache bleiben die Bilder stumm. Der Roman aber erweckt sie zum Leben, in unseren Köpfen und in jeder Faser unseres Fleischs.


FAS Nr. 2, 14. Januar 2018, Feuilleton Seite 52
 

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