Annie Ernaux »Die Scham«

25.10.2020

Annie Ernaux »Die Scham«Rezension

Mutter, Vater, Scham
Annie Ernaux rekonstruiert schreibend das Jahr 1952, in dem sie eine große Familientragödie erleben musste

»An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.« So lautet der erste Satz von Annie Ernaux’ in Frankreich bereits 1997 und nun auch auf Deutsch erschienenem Buch »Die Scham«. Auf zweieinhalb Seiten schildert Ernaux die Szene, die sich nach dem Mittagessen abspielte, um sich dann der Frage zuzuwenden, was an diesem Nachmittag mit ihr geschah. Denn die Welt, ihre Welt ist danach eine andere. »Es war der 15. Juni 1952. Das erste präzise und eindeutige Datum meiner Kindheit. Davor gibt es nur aufeinanderfolgende Tage und das Datum an der Schultafel oder oben in meinem Heft.«

Seither verfolgt sie nicht nur die Angst, dass sich der Vorfall wiederholen könnte – lauscht sie, sobald die Stimmen von Mutter und Vater lauter werden, ist erleichtert, wenn Kunden im Laden sind, entspannt sich, wenn die Eltern miteinander scherzen. Sie fürchtet vor allem, dass ihre Umgebung erfahren könnte, in was für einer Familie sie lebt. Diese Furcht aber ist untrennbar verbunden mit dem Gefühl der Scham, einer Scham, die nicht vergeht, sondern, im Gegenteil, immer mehr wächst. »Auch das gehört zur Scham: der Eindruck, dass einem von nun an alles Mögliche passieren kann, dass es nie aufhören wird, dass die Scham zu immer mehr Scham führt.«

In »Erinnerung eines Mädchens«, dem 2016 auf Französisch und bereits vor zwei Jahren auch auf Deutsch erschienenen Buch über ihre im Sommer 1958 gemachten ersten sexuellen Erfahrungen, in dem es ebenfalls um das Gefühl der Scham geht, schreibt Ernaux: »Das große Gedächtnis der Scham ist sehr viel klarer und erbarmungsloser als jedes andere.« Denn dieses Gefühl vergisst sich nicht – auch wenn Ernaux an den Sommer ’52 denkt, stellt es sich sofort wieder ein, nicht als Gedanke, sondern als Empfindung. »Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt.« Alles andere aber, was dieses Mädchen an der Schwelle zur Pubertät angeht, das diesen Bruch erfuhr und dem sie sich fremd und fern fühlt, wenn sie es auf Fotos sieht, muss Ernaux mühsam rekonstruieren, recherchieren, doch letztlich bleibt es ihr äußerlich. Denn: »Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst.«

Aber dieses Mädchen interessiert sie. Aus ihm ist schließlich die Schriftstellerin gewachsen, die jetzt am Tisch sitzt, sich erinnert und nicht erinnert, die schreibend zu verstehen versucht, wer sie damals war und wie sie die hat werden können, die sie heute ist. Von der »Szene« ausgehend, die ihr Leben unwiderruflich in ein Davor und ein Danach geteilt hat, erkundet Ernaux das Jahr 1952, beschreibt das Haus ihrer Eltern, das Viertel, die katholische Privatschule, die sie besucht, die Tätigkeiten, »die Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus«, »Schule, Familie, Provinz«, in denen sie »gefangen« war und die ihr Leben »beherrschten«, um so ihrem damaligen Ich und dessen Welt näher zu kommen. Sie liest sogar die »Paris-Normandie«, die Tageszeitung, die die Eltern abonniert hatten, blättert den ganzen Jahrgang bis zum 15. Juni durch – findet jedoch keinerlei Bezug zwischen dem, was sich an diesem Tag in der sogenannten Welt ereignet hat, und der »Szene«: »Sie allein war real.«

Sie erzählt von einer Reise, die sie später im Jahr mit dem Vater unternommen hat, eine Kombination von Frankreich-Rundreise und Pilgerfahrt nach Lourdes, auf die die Mutter die beiden schickt, und als wie drückend sie die Entfremdung von ihrem Vater empfunden hat, für den sie sich schämt und den sie für ihre Unbeholfenheit und Unzugehörigkeit zu den anderen verantwortlich macht. Als Schülerin und Geistesverwandte von Bourdieu beschreibt Ernaux genau die »kleinen Unterschiede« in Aussehen und Verhalten, die zu ihrer Isolierung im Reisebus führen. Und vor allem analysiert sie die Sprache.

Oder eigentlich die Sprachen. Denn obwohl alle Französisch sprechen, unterscheidet sich dieses Französisch doch deutlich durch Akzent, Grammatik, Aussprache, Stil und Wortschatz. Schon die zwölfjährige Ernaux registriert, dass die Unterschiede in Ausdrucksweise und Artikulation die soziale Hierarchie markieren. Sie gewöhnt sich zwei Sprechweisen an: eine für die Schule, eine für zu Hause. Dadurch aber wird die Sprache zu einem Motor der Scham wie der Entfremdung. Je mehr sie sich sprachlich von ihren Eltern, ihrem Herkunftsmilieu entfernt, desto weniger braucht sie sich zwar für sich selbst zu schämen, desto mehr aber schämt sie sich für ihre Herkunft und versucht sie zu verbergen.

Dass die Mutter, wohl wissend, dass der soziale Aufstieg der Tochter nur gelingen kann, wenn diese kulturelles Kapital akkumuliert, die Entfremdung zwischen ihnen selbst vorantreibt, vorantreiben muss, ist tragisch. Sie schickt sie auf die teure Schule, spornt sie an, zu lernen und sich anzupassen, was unweigerlich dazu führt, dass, je älter die Tochter wird, es immer weniger geteilte Lebenswirklichkeit gibt. Und dass die Mutter sich der (zunehmenden) Verachtung durch die Tochter aussetzt, die diese nur mühevoll und unvollkommen kaschieren kann.

Doch nicht immer gelingt es, die Welten voneinander getrennt zu halten. Nach einem Fest im vierzig Kilometer entfernten Rouen wird die Schülerin von einer Lehrerin und zwei Mitschülerinnen spätnachts nach Hause begleitet. Sie hämmert an die Außentür des Ladens, damit die Eltern ihr öffnen, die Mutter erscheint, schlaftrunken, in einem fleckigen Nachthemd, und die junge Annie Ernaux, Klassenbeste, sieht ihre Mutter zum ersten Mal mit den Augen der anderen. Sie denkt: »Nur wir sind so.« Das Ganze ereignet sich eine Woche nach der Ur-»Szene« und bestätigt sie in dem Glauben ihrer einzigartigen »Unwürdigkeit« wie auch darin, dass die Scham nie aufhören wird. Sie ist ab sofort in ihr gefangen und zur Einsamkeit verurteilt. Denn die Scham hat keine Sprache, weder in der einen noch in der anderen Welt, das Erlebte lässt sich mit niemandem teilen.

»Ich habe schon immer Bücher schreiben wollen, über die ich anschließend unmöglich sprechen könnte, Bücher, die den Blick der anderen unerträglich machen«, heißt es am Ende von »Die Scham«. Ernaux hat also doch eine Sprache gefunden. Und was für eine Sprache. Mitunter wird ihr vorgehalten, sie sei keine Schriftstellerin, da sie nicht erzähle. Wer das behauptet, versuche einmal selbst, auch nur eine Begebenheit seines Lebens so nüchtern, klar, präzise, abschweifungs- und schonungslos »aufzuzeichnen« wie Ernaux und dabei weder peinlich zu wirken noch banal; er wird merken, wie schwer es ist und wie schmerzhaft, selbst bei einer eher harmlosen Sache. Wie viel mehr aber, wenn es sich um ein Lebenstrauma handelt.

Ernaux’ Bücher sind nicht Romane, sondern Bekenntnisse und gehören damit zu einer Gattung, die in der französischen Literatur seit den »Confessions« von Rousseau eine lange und bedeutende Tradition hat. Und natürlich geht sie in den Fußstapfen von Balzac und Proust, analysiert erzählend jedoch nicht die Sprach-, Geschmacks- und Verhaltenscodes des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, sondern die der Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und das nicht fabulierend oder mit Hilfe endlos ineinanderverschachtelter Beschreibungen, sondern in einem präzisen, manchmal schon brutal-knappen, protokollarisch-medizinischen Stil, der die »Erzählung« bis aufs Skelett abmagern lässt, dem Leser jedoch eine Reihe soziologisch scharfer, wirklichkeitsgrundierter innerer Bilder schenkt.

Zu benennen, was einen quält und was sich immer wiederholt und potenziert, wenn man nicht davon spricht, ist die einzige Möglichkeit, ihm zu begegnen, vielleicht sogar, ihm zu entkommen. Ob Annie Ernaux der Scham schreibend entkommen ist, bleibt ihr Geheimnis. Aufrecht begegnet ist sie ihr gewiss. Sie hat uns Bücher geschenkt, die schmerzen, aber auch heilen, weil sie uns zeigen, dass wir mit unseren Verletzungen nicht allein sind, dass wir nicht die Einzigen sind, die »so« sind. »Die Scham« ist eines davon.


FAS Nr. 43, 25. Oktober 2020, Feuilleton Seite 38

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